80. Jahrestag des „Auschwitz-Erlasses“

Dezember 23rd, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Veranstaltungen & Ausstellungen

Teilnehmer der Gedenkveranstaltung am 15.12.2022 (Foto: Zentralrat)Gedenkveranstaltung für die Opfer des NS-Völ­ker­mordes an den Sinti und Roma in der Ge­denk­stätte Sach­sen­hausen

Vor 80 Jahren, am 16. Dezember 1942, un­ter­zeich­nete Heinrich Himmler den so­genannten „Auschwitz-Er­lass“, der die Depor­tation von Sinti und Roma aus ganz Europa in das Ver­nich­tungs­lager Auschwitz-Bir­kenau an­ordnete. Darunter waren auch 10.000 deutsche Sinti und Roma aus dem dama­ligen Reichs­gebiet. Ins­gesamt wurden im be­setzten Europa meh­rere Hundert­tausend Sinti und Roma in Kon­zentra­tions­lagern oder durch Ein­satz­gruppen der SS ermordet. Im Kon­zentrations­lager Sachsenhausen waren mehr als 1.000 Sinti und Roma in­haftiert.

Anlässlich des 80. Jahrestages der Unterzeichnung des sogenann­ten Auschwitz-Er­lasses durch Heinrich Himmler ge­dachten in der Gedenk­stätte Sach­sen­hausen Kultur­staats­minis­terin Claudia Roth, der Vor­sitzende des Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, der bran­den­bur­gische Kultur- und Wissen­schafts­staats­sekretär Tobias Dünow und Stiftungs­direktor Axel Drecoll der Opfer des national­sozia­listi­schen Völker­mordes an den Sinti und Roma, dem mehrere Hundert­tausend An­gehörige der Minder­heit aus ganz Europa zum Opfer fielen.

An der Veranstaltung nahmen rund 80 Personen teil, unter ihnen Alma Klasing, Dieter Flack und Albert Wolf, die den natio­nal­sozialis­tischen Völkermord an den Sinti und Roma über­lebt haben, sowie Vor­stände der Landes- und Mit­glieds­verbände des Zentralrats. Staats­ministe­rin Claudia Roth, Romani Rose, Staats­sekretär Tobias Dünow, Landtags­vize­präsi­den­tin Barbara Richstein sowie zahl­reiche Ver­tre­terin­nen und Vertreter aus Politik und Gesell­schaft legten am zentralen Gedenkort „Station Z“ Kränze nieder.

In ihrer Ansprache sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth: „Wir brauchen mehr Mit­einander, mehr kultu­relle und politi­sche Bildung und mehr Sichtbarkeit des so großen kultu­rellen Reich­tums von Sinti und Roma. Vor allem aber brauchen wir An­erkennung und Gleich­be­rech­tigung. Ge­meinsam mit der Com­munity der Sinti und Roma, mit Akteur*in­nen der Zivil­gesellschaft und enga­gierten Ver­treter*innen der Länder und Kom­munen werde ich auch weiterhin alles für eine um­fassende Gleich­berechti­gung der Sinti und Roma tun.“

Romani Rose mahnte: „Beim Gedenken und Erinnern heute, mehr als fünfund­siebzig Jahre nach dem Zusammen­bruch der national­sozialisti­schen Schreckens­herrschaft, geht es nicht darum, der heutigen Genera­tion in Deutschland Schuld zu über­tragen. Der Sinn des Erinnerns besteht vielmehr in der gelebten Ver­ant­wortung für die Gegenwart und für unseren demo­kratisch verfassten Rechtstaat. In Deutsch­land ist politisch in den ver­gan­genen Jahr­zehnten aufgrund der be­harrli­chen Arbeit des Zentralrats sehr viel er­reicht worden: sowohl der Holocaust an den Sinti und Roma als auch der Anti­ziganismus als gesamt­gesell­schaft­li­che Bedrohung sind mittler­weile anerkannt und die demo­krati­schen Parteien haben sich diesem lange ver­dräng­ten Teil der Geschichte gestellt. Dennoch sind viele Sinti und Roma davon über­zeugt, dass sie ihr Leben nur dann frei ge­stalten können, wenn sie sich in die Anonymität zurück­ziehen. Die Ur­sachen dafür liegen im Anti­ziganismus. Seine Ächtung ist nicht die Auf­gabe der Minder­heit selbst. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft und ihrer Institu­tionen, denn wir sind gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger unserer europäischen Heimat­länder, in denen wir Staats­bürger sind und in denen wir seit Jahr­hunderten leben.“

Staatssekretär Tobias Dünow sagte: „Ausgrenzung – das war für Sinti und Roma in Deutsch­land nicht die Aus­nahme, sondern die Regel. Nicht nur zwi­schen 1933 und 1945, son­dern schon in den Jahr­hun­derten zuvor, und auch danach. Es ist der Bürger­rechts­be­wegung um Romani Rose zu ver­danken, dass wir mittler­weile – viel zu spät – an diese Ver­brechen der National­sozialisten erinnern. Diese Bürger­rechts­bewegung der Sinti und Roma war und ist ein un­glaub­licher Akt des Mutes und der Selbst­behauptung gegen Hass, Igno­ranz und Arroganz.“

Stiftungsdirektor Axel Drecoll ergänzte: „Auch im demokratischen Rechtsstaat der Bundes­republik prägten über Jahre und Jahr­zehnte Vorurteile, Diffa­mie­rungen und Be­nach­teili­gungen die gericht­liche und be­hördliche Praxis. Die meisten über­lebenden Sinti und Roma waren nach 1945 eben keine Berech­tigten und Gleich­berech­tigten, sondern blieben lange Zeit Opfer staatlich be­trie­bener und sank­tio­nierter Unrechts­politik. Bis heute gehören ge­sell­schaft­liche Dis­kri­minie­rung und Über­griffe zum trauri­gen Alltag der Sinti und Roma. Umso wichtiger ist es, hier und heute der Opfer zu gedenken, die Über­leben­den zu ehren und die Verbrechen auf­zu­arbeiten. Der Blick in die Vergangenheit kann und muss dazu dienen, die funda­mentale Be­deutung von gegen­seitigem Respekt und Solidarität in Gegen­wart und Zukunft be­sonders hervor­zu­heben. Nur so ist gewähr­leistet, dass die Würde jedes Me­nschen tat­sächlich un­antastbar ist und dass wir Vielfalt nicht nur respek­tieren, son­dern als Existenz­grundlage und Lebens­elixier unserer Gesell­schaft begreifen.“

Information: www.sachsenhausen-sbg.dewww.zentralrat.sintiundroma.de

(Text: Zentralrat)

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