„RYMEcast“: Digitaler denken

Dezember 16th, 2022  |  Published in Internet & Blogothek, Interview, Radio, Podcast & TV, dROMa (Magazin)

LOLO TEPICH: Sejnur Memiši (tscha.) taj Nino Novakovic, Civis-Gala 2022 (kipo: Sejnur Memiši)Roma-Podcast „RYMEcast“: Sejnur Memiši im Gespräch

Sejnur Memiši und Nino Novakovic sind die Master­minds hin­ter „RYMEcast“, einem rich­tungs­wei­sen­den Roma-Me­di­en­pro­jekt in Deutsch­land. Seit Früh­jahr 2020 pro­du­zier­ten die bei­den über 100 Fol­gen ihres Pod­casts. Wir ha­ben uns mit Sejnur über die Hin­ter­grün­de un­ter­halten.

dROMa: Was unterscheidet einen Podcast von einer normalen Radio­sen­dung?
Sejnur Memiši:
Ein Podcast ist quasi ein Audiobeitrag wie im Radio, nur ohne Musik, den man zeit­un­abhängig online – mit dem Smart­phone oder auf dem PC – hören kann. Bei einer Radio­sendung ist man meis­tens von einer be­stimm­ten Sendezeit ab­hängig. Einen Podcast wie­derum kann man jeder­zeit auf Platt­formen wie Spotify, Apple oder Google hören.

Warum habt ihr dieses Medium gewählt?
Ich wollte schon seit meiner Kindheit im Audio-Jour­nalis­mus bzw. beim Radio arbeiten. Durch den Podcast hatte ich den Vorteil, ein­fach an­zu­fangen und nicht von großen Medien ab­hängig zu sein.

Die journalistische Begabung ist dir ja quasi in die Wiege ge­legt worden …
Kann vielleicht sein. Mein Vater ist ebenfalls Journalist und hatte früher in Pristina (Kosovo) seine eige­ne Radio­sendung auf Romanes. Als ich drei oder vier war, durfte ich ihn einmal zu seiner Arbeit be­gleiten und ihm hinter den Kulissen zu­schauen. Und seit­dem war mein Interesse für Medien, Jour­na­lismus und fürs Moderieren ge­weckt. Neben meinem Vater ist auch mein Onkel, mütter­licher­seits, Jour­nalist und arbei­tet als Moderator bei „Radio Romano“ in Schweden.

Eigene Medien

Warum habt ihr euch dazu entschlossen, einen Podcast zu ge­nau die­sem The­ma zu starten?
Als wir „RYMEcast“ gegründet haben, gab es leider keinen Podcast von und über Sinti und Roma. Sinti und Roma sind in Deutschland eine natio­nale Minder­heit und haben ein Recht auf ihr eige­nes Medium. Für uns ist es wichtig, sowohl die eigene Com­munity zu be­stärken als auch die Mehrheits­gesell­schaft zu sen­si­bi­li­sieren. Und durch Interviews den Sinti und Roma mit dem Podcast eine Stimme zu ver­leihen.

Ich nehme an, es ist nicht immer einfach, so unterschied­liche Ziel­gruppen zu­gleich an­zu­sprechen …
Wir wollten nie nur einen Podcast für Aktivisten haben, sondern auch andere an­sprechen, die sich selbst nicht enga­gieren oder even­tuell wenig Vorwissen mit­bringen. Daher ist es wichtig, darauf zu achten, immer wieder auch mit dem Blick von jeman­dem aus der Mehr­heits­bevöl­kerung zu schauen. Schließlich wollen wir sowohl die Roma-Com­mu­nity als auch die Mehrheits­gesell­schaft als Publikum haben. Es ist also manch­mal nötig, wenn Fach­begriffe oder andere Infor­ma­tio­nen fallen, diese zu erklären, damit es alle verstehen.

Du machst den Podcast gemeinsam mit Nino Novakovic. Woher kennt ihr euch?
Nino und ich hatten uns 2017 bei einen Bildungstreffen für studie­rende Sinti und Roma kennen­gelernt und ein paar Monate später trafen wir uns wieder bei der Jugend­gedenk­fahrt „Dikh He Na Bister“ nach Auschwitz und Krakau. Dadurch wurden wir gute Freunde, und Ende 2017 fingen wir an, gemein­sam bei Work­shops mit Jugend­lichen zu arbeiten.

Wie teilt ihr euch die Arbeit auf?
Ich studierte Media Management und kümmere mich für „RYMEcast“ um die journalis­tischen und medialen Auf­gaben. D.h. ich kon­zipiere erst eine Themen­folge und recherchiere danach für die Folge. Daraufhin zeichnen wir auf und ich stelle quasi Nino das Thema vor, der wiederum zu meiner Recherche seine politi­schen Analysen macht. Nino ist deshalb authen­tisch, weil er in Göttingen Wirt­schafts­päda­gogik und Politik­wissen­schaft studiert. Danach schneide ich die Folge und bereite sie für die Ver­öffent­lichung vor. Zum Schluss mache ich Wer­bung auf der In­sta­gram-Seite „roma­youth­media“, damit die Folge auch ge­hört wird.

Nominiert

Gibt es auch Folgen, die viele Reaktionen ausgelöst haben?
Der „Jahres­rück­blick 2021“, der im März 2022 in der Rubrik „Podcast“ für den „CIVIS Medien­preis 2022“ nomi­niert wurde, hat bisher die meisten Re­aktionen aus­gelöst. Natürlich auch infolge der Nominie­rung, da zum Beispiel die Preis­ver­leihung bei ARD, ORF & Co. aus­gestrahlt wurde. Das Beson­dere an dieser Folge war, dass wir rück­blickend noch­mals alle Nach­richten über Sinti und Roma für das Jahr 2021 recher­chiert haben. Und somit viele gute und schlechte Nach­richten in einer Folge be­richtet wurden.

Kannst du eine Folge nennen, die dir persön­lich wichtig ist?
Wir hatten bis jetzt in den zwei­einhalb Jahren über 100 Folgen zu pro­duzieren. Da ist es etwas schwerer, eine einzel­ne Folge aus­zu­wählen. Daher würde ich gerne die Gelegen­heit nutzen, über die nächste Staffel zu sprechen, die wir aktuell im Auftrag des Instituts für Didaktik der Demo­kratie (Leib­niz-Uni­ver­si­tät Hannover) und des Bildungs­forums gegen Anti­ziganisvmus produ­ziert haben. Bei dieser vierten Staffel werden vier Folgen vom „institu­tio­nel­len Anti­ziganis­mus“ handeln. Diese Folgen sind aktuell die besten, die wir pro­duziert haben. Sowohl technisch als auch inhaltlich. Auf diese Staffel bin ich sehr stolz, dort konnten wir Pro­fessoren, Doktoren und Akti­visten aus den Sinti- und Roma-Com­mu­nitys interviewen. Ebenso greifen wir unter­schied­liche Vorfälle von Anti­ziganismus auf.

Die erste Folge ging im Frühjahr 2020 online. Haben wir die Geburt des „RYMEcast“ auch dem Lockdown zu ver­danken?
Die Idee für „RYMEcast“ hatte ich schon seit Anfang 2019, vor allem weil es bisher noch keinen Podcast von und über Sinti und Roma im deutsch­spra­chigen Raum gab. Ich verfolge ja schon sehr lange die Podcast-Szene. Leider war Nino damals noch mit einem anderen Projekt be­schäftigt. Durch die Pandemie, ab April 2020, hatten wir dann aber tat­sächlich mehr Zeit, uns mit dem Podcast zu beschäf­tigen. Vorher hatten wir Workshops mit Ju­gend­li­chen gemacht, und nun war es uns wegen des Lockdowns auch nicht mehr möglich, klas­sische Bildungs­arbeit zu betreiben. So waren wir auto­matisch ge­zwungen, digitaler zu denken und dies auch um­zu­setzen. Neben dem Podcast habe ich mich eben­falls darauf fokus­siert, auf Instagram mehr Content zur Bildungs­arbeit zu pro­duzieren.

Es ist schwer

In Deutschland gibt es kaum Roma-Medien. Woran liegt das?
Es gibt in Deutschland leider keine eigenen Sinti- und Roma-Sen­dungen wie in Österreich. Ob­wohl wir eigent­lich als nationale Minder­heit ein Recht auf ein eigenes Medium hätten – im TV oder auch als Radio und Podcast. Wir von RYMEcast be­mühen uns, in Zukunft mehr mit öffent­lich-recht­li­chen Sendern zu ko­operieren. Jedoch ist es in Deutsch­land schwer.

Bekommt ihr Förderungen? Oder zumindest Unterstützung durch Infra­struktur?
Wir hatten unseren Podcast „self made“ gestartet, ohne jeg­liche Förderung. Ein paar Monate später hatte Ninos Verein „Terne Rroma Süd­nieder­sachsen e.V.“ ein kleines digitales Projekt, und dadurch konnten wir uns zu­mindest ein bisschen Audio­equipvment leisten. Wir waren froh, pro­fessio­nelles Equipment haben zu können, da wir unsere Folgen davor sogar mit Headset auf­ge­zeichnet hatten.

Letztes Jahr gründete ich mit anderen Aktivisten aus Rheinland-Pfalz den Verein „Medien- und Kultur­zentrum Deutscher Roma e.V.“. Und dort arbeite ich an dem Projekt „Digital Generation – digitale Bildungs­arbeit über Sin­ti:zze & Rom:nja mit Podcast & Social Media“, gefördert von der Stiftung EVZ. Dort wird mein Video/Podcast-Format „Comic vs. Reallife-Helden“ pro­du­ziert. Beim Format geht es um reale und fiktive Helden aus den Sin­ti-und-Ro­ma-Com­mu­nitys. Jede Folge wird als Zwei­teiler publiziert: Teil 1 als Video auf Instagram und YouTube, wo ich die Bio­grafie vorstelle, mit Interview-Aus­schnitten vom jewei­ligen Gast. Und Teil 2 ist ein Interview mit dem Gast auf „RYMEcast“. Dieses Projekt läuft für zwei Jahre, und „RYMEcast“ kann dadurch in der Post­pro­duktion pro­fes­sio­neller werden.

Das Interview führte Roman Urbaner

instagram.com/romayouthmedia
rymecast.de

Aus: dROMa 67, Herbst/Terno dschend 2022
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