Pogrom gegen Roma in Spanien

August 4th, 2022  |  Published in Politik

Pogrom in Peal de Becerro (Foto: ERRC.org)Spanien: Rassistische Aus­schrei­tun­gen in Peal de Be­cerro in An­da­lusien

jW, 3.8.2022: Sechs Wohnungen wurden zer­trüm­mert und ge­plündert, eine so­gar an­ge­zündet, drei Autos wurden be­schädigt – die Roma-Fa­milien in Peal de Becerro bei Jaén in Süd­spanien muss­ten vor einer auf­ge­brachten Menge, be­stehend aus Dutzen­den Nachbarn, aus dem Dorf fliehen. Als Recht­ferti­gung für die rassistischen Attacken dien­te den An­greifern, dass am Tag zu­vor, dem 17. Juli, vier Männer, die der Roma-Min­der­heit (Gitanos, Anm. dROMa) an­ge­hören sol­len, einen 29-jäh­rigen Tür­steher in Peal de Becerro er­stochen hätten. Laut dem Online­medium CTXT ver­fügen die Opfer des rassistischen Pogroms aller­dings über keine Ver­bindun­gen zu den Tätern – außer, dass auch sie zur Roma-Min­der­heit zählen.

Der Rom und Parlamentsabgeordnete der Linkspartei Podemos, Ismael Cortés, er­klärte in der ver­gange­nen Woche, es sei »in­akzep­tabel, dass eine Ethnie in ihrer Gesamt­heit be­schuldigt« werde. Die Spanische Gesell­schaft der Roma (Sociedad Gitana Española) stellte eine Straf­anzeige unter ande­rem gegen den Bürger­meister von Peal de Becerro, David Rodríguez, die ört­liche Polizei und »die materiel­len und intel­lek­tuellen Urheber oder An­stifter der Angriffe auf Roma-Fa­milien«. Gegenüber der Tages­zeitung Diario de Jaén er­klärte der Vor­sitzende der Gesell­schaft, Miguel Ángel Valverde, am 23. Juli, man spreche den An­gehörigen des Ge­töteten »unser tiefs­tes Beileid aus«, aller­dings werde man es nicht zu­lassen, »dass wir aus unseren Wohnun­gen gejagt werden, nur weil wir Roma sind«. Die be­troffe­nen Fa­milien hätten zudem keine Aus­weich­unter­künfte von den Behörden zur Ver­fügung gestellt be­kommen.

Die Taten erinnern an die Geschehnisse im unweit gelege­nen Martos 1986: Damals tobte in dem Dorf ein Mob von 200 Be­wohnern, die rund 30 Woh­nungen von Roma in Brand setz­ten. Pogro­me gegen An­gehörige der Minder­heit in Spanien sind aller­dings alles andere als eine Selten­heit, beson­ders häufig wer­den deren Wohnun­gen an­ge­zündet. So brannten 2014 zwei Wohnungen in Estepa, ebenfalls in Andalusien, am Rande einer De­monstra­tion ge­gen Diebstähle, drei weitere wurden geplündert. 2018 wurde eine Familie mit fünf Kindern in Santurtzi im Baskenland obdachlos, nach­dem ihre Woh­nung in Flammen auf­gegan­gen war. 2019 ver­suchten Be­wohner des Madrider Viertels Vallecas die Wohnung eines Man­nes an­zu­zünden, der der Tötung eines Rentners ver­dächtigt wurde. 2000 fand eine Demonstra­tion in Alicante statt, in deren Rahmen zwi­schen 500 und 1.000 Per­sonen zehn von Roma ge­nutzte Wohnungen de­molierten.

Dem versucht die spanische Koalitionsregierung entgegenzuwirken. Seit Mitte Juli ist ein Gesetz in Kraft, das Anti­ziganismus als spe­zifische Form des Rassismus an­er­kennt und bestraft. Tätern drohen nun bis zu 500.000 Euro Strafe. Seit den letzten Wahlen im Novem­ber 2019 sitzen zu­dem erst­mals vier Ab­geordnete im spanischen Par­lament, die der Roma-Min­derheit an­gehören.

Laut Schätzungen leben in Spanien rund 750.000 Roma, die sich bis heute einer ganzen Palette rassisti­scher Vorurteile und Dis­kriminierun­gen aus­gesetzt sehen. Zwar spricht die Stiftung Fundación Secretariado Gitano davon, dass die Situa­tion von An­gehöri­gen der Minderheit im Ver­gleich zu anderen euro­päischen Ländern etwas bes­ser sei, aller­dings könne man längst nicht »von gleichen Bedin­gungen« und einer »Ab­wesenheit von Dis­kriminie­rung« sprechen. Laut einer Statistik der Stiftung hat mehr als die Hälfte der be­fragten Roma in den ver­gangenen fünf Jahren Diskriminierung er­lebt. Zudem sei Antiziganismus in Spanien der bei Anzeigen wegen Hassrede am dritt­häufigsten an­gegebene Grund nach »Ausländer­feindlich­keit« und Dis­kriminie­rung aufgrund der sexuellen Orien­tierung. Auch erinnert die Stif­tung auf ihrer Homepage daran, dass rund 35 Prozent der Roma in Spanien von Erwerbs­losigkeit betroffen sind und zehn Pro­zent in un­befestigten Hütten oder an­deren un­würdigen Ver­hält­nissen leben.

(Text: Carmela Negrete, in: junge Welt vom 3.8.2022)

Siehe auch:
ERRC: Burning and looting: collective punishment and antigypsyism in Spain

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