Offener Brief: Gerechtigkeit für Stanislav Tomáš
Juli 3rd, 2021 | Published in Rassismus & Menschenrechte
Zusammen mit 200 Organisationen fordert Roma-Service Gerechtigkeit für Stanislav Tomáš: Offener Brief (29.6.2021)
[Übersetzt aus dem Englischen von Amaro Foro]
President of the European Council,
Mr Charles Michel,
President Ursula von der Leyen,
President David Maria Sassoli
Ambassador Iztok Jarc,
Vice-President Věra Jourová,
Commissioner Didier Reynders,
Commissioner Helena Dalli,
President of the Committee on Civil Liberties,
Justiceand Home Affairs,
Juan Fernando Lopez Aguilar,
ARDI Co-Presidents and Vice-Presidents
Das European Roma Grassroots Organisations (ERGO) Network möchte gemeinsam mit anderen Roma- und Pro-Roma- und Antirassismus-Organisationen der Zivilgesellschaft und Einzelpersonen weltweit der Familie und den Angehörigen von Stanislav Tomáš unser aufrichtiges Beileid aussprechen und hofft, dass der Gerechtigkeit schnell Genüge getan wird.
Wir fordern daher eine unabhängige, gründliche und objektive Untersuchung des Todes von Stanislav Tomáš, einem Roma-Mann aus Teplice in der Tschechischen Republik, der kurz darauf starb, nachdem zwei Polizeibeamte sich auf ihn gekniet und exzessive und unnötige Gewalt angewendet hatten, um ihn auf dem heißen Pflaster zu fixieren, selbst nachdem er mit Handschellen gefesselt war (mehr hier und hier). Wir sind zutiefst beunruhigt über die Aufnahmen, die Stanislavs letzte Momente seines Lebens zeigen, als die Polizei versuchte, ihn mit übermäßiger Gewalt festzunehmen. Die Intensität des konstanten Drucks, der auf Stanislavs Oberkörper, Hals und Nacken ausgeübt wurde, war völlig unangemessen und unverhältnismäßig für den Akt des Ruhigstellens und Fesselns einer Person. Darüber hinaus wurden die Ruhigstellung und der Druck noch lange fortgesetzt, nachdem er mit Handschellen gefesselt war, bis er aufhörte zu schreien und sich zu bewegen. Während das Video endete, bevor wir mit Sicherheit wissen, ob er noch lebte, bevor der Krankenwagen eintraf, können wir sehen, dass er still und träge war. In den vorläufigen Erklärungen der Polizei bestreitet diese jedoch, dass die Taktik des Beamten Stanislavs Tod verursacht oder dazu beigetragen haben könnte, und behauptet, dass er im Krankenwagen starb. Außerdem erklärten sie, dass sie nach dem vorläufigen Autopsiebericht Grund zu der Annahme hatten, dass er unter dem Einfluss einer fremden Substanz mit Amphetamincharakter stand, und die Autopsie entdeckte pathologische Veränderungen an den Koronararterien des Herzens. Unabhängig von diesen Umständen war das Vorgehen der Polizeibeamten durch und durch ungerechtfertigt und unverhältnismäßig und stellte einen Machtmissbrauch dar.
Es ist besorgniserregend, dass hochrangige tschechische Regierungsbeamte, insbesondere der Innenminister und der Premierminister, die Polizeibeamten unterstützt haben, obwohl es ihre Aufgabe ist, unparteiisch zu bleiben und die Ergebnisse der offiziellen Untersuchung des Falles abzuwarten, damit die Justiz und die direkt am Ermittlungsprozess Beteiligten ihre Arbeit machen können. Darüber hinaus beeilte sich der Premierminister, zu dem Schluss zu kommen, dass Stanislav nicht als Folge des Polizeieinsatzes gestorben sei, und zwar nur auf der Grundlage vorläufiger Autopsieergebnisse, ohne die endgültigen Ergebnisse des Untersuchungsprozesses abzuwarten. Beide Amtsträger charakterisierten Stanislav zudem in abwertender Weise, um das Vorgehen und die Methoden der Polizei zu rechtfertigen.
Moralische Hierarchien darüber aufzustellen, wer vor dem Gesetz geschützt werden sollte oder über das Niveau einer polizeilichen Reaktion, die auf moralischen Urteilen und Charakterisierungen beruht, ist sehr gefährlich, besonders wenn sie von der höchsten Ebene der tschechischen politischen Führung kommt, und würde einen Verstoß gegen den Verhaltenskodex und die Verantwortung der Polizei darstellen. Die Polizei, insbesondere in demokratischen Gesellschaften und in der Europäischen Union, ist verpflichtet, ihre Aufgaben in Übereinstimmung mit den allgemein vereinbarten Standards der Menschenrechte und der bürgerlichen und politischen Rechte zu erfüllen, unabhängig von den Umständen einer Situation oder den beteiligten Personen – und dabei hätte der Schutz und die Erhaltung von Leben ihre höchste Priorität sein müssen. Darüber hinaus gibt es keine Beweise dafür, dass die Person eine unmittelbare Bedrohung für sich selbst und/oder andere darstellte, und daher war die Anwendung von übermäßiger Gewalt und ständigem Druck auf seine Luftröhre weder legitim noch verhältnismäßig, um ein legitimes Ziel zu erreichen, insbesondere nachdem die Handschellen bereits angelegt worden waren. Wenn sie unverhältnismäßig ist, muss die Gewaltanwendung als Straftat qualifiziert und untersucht werden. Deshalb:
- Wir fordern die EU-Institutionen auf, eine unabhängige, effiziente und unparteiische Untersuchung des Falles zu fordern und dafür zu sorgen, dass die Polizeibeamten gründlich und ordnungsgemäß untersucht und entsprechend dem Ausmaß der Straftat und des angerichteten Schadens angemessen bestraft werden.
- Wir machen auch auf die Notwendigkeit aufmerksam, das Leben und die persönliche Sicherheit von Zeug*innen, ihren Angehörigen und anderen ihnen nahestehenden Personen vor Einschüchterungs- oder Racheakten zu schützen und ihnen bei Bedarf den Zugang zu den Ermittlungen und/oder Gerichtsverhandlungen zu erleichtern.
- Darüber hinaus sollten Handlungen zur Einschüchterung von Zeug*innen entweder als separate Straftat oder als Teil des Straftatbestands der rechtswidrigen Bedrohung geahndet werden.
- Es ist von entscheidender Bedeutung, dass bei der Untersuchung des Polizeieinsatzes auch die rassistische Motivation berücksichtigt wird, in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.
- Wir fordern die EU-Spitze, die tschechische Regierung, die Medien und nicht-staatliche Akteure auf, eine klare Haltung gegen Antiziganismus und Polizeigewalt einzunehmen, auch in ihren öffentlichen Erklärungen.
- Darüber hinaus fordern wir die Staatsbeamten und die tschechischen Medien auf, die Schuldzuweisung an das Opfer und die Stigmatisierung seiner Familie und Angehörigen zu unterlassen. Der Fokus sollte auf der Angemessenheit der polizeilichen Reaktion oder deren Fehlen bleiben, die zum Tod von Stanislav führte, und auf nichts anderem.
- Wir fordern das tschechische Parlament, den Ombudsmann und andere verantwortliche Institutionen auf, eine Untersuchung der parteiischen, herabwürdigenden, öffentlichen Äußerungen und möglicherweise damit zusammenhängenden Handlungen des Premierministers und des Innenministers in Bezug auf diesen Fall einzuleiten.
- Wir fordern die EU-Institutionen auf, eine europaweite Überprüfung der auf nationaler Ebene angewandten polizeilichen Techniken und Methoden einzuleiten, einschließlich der Frage, ob zu den erlaubten Methoden, jemanden ruhigzustellen und festzuhalten, auch die Methode des Kniens am Hals gehört, und mit den Mitgliedsstaaten zusammenzuarbeiten, um gefährliche und lebensbedrohliche Methoden zu verbieten, die irreversible Schäden oder den Tod verursachen können.
- Als Menschenrechtsverteidiger*innen setzen wir uns mit Nachdruck gegen Polizeigewalt und unzureichende polizeiliche Maßnahmen ein, insbesondere im Umgang mit Menschen aus rassifizierten Minderheiten. Roma Lives Matter!