16. Mai: „Romani Resistance Day“

Mai 16th, 2021  |  Published in Geschichte & Gedenken

16. Mai: Romani Resistance DayZentralrat Deutscher Sinti und Roma erin­nert an den Wi­der­stand von Sinti und Roma im Ver­nich­tungs­lager Auschwitz-Bir­ke­nau vor 77 Jah­ren, am 16. Mai 1944

An diesem Tag sollte der Lagerabschnitt B IIe, das so­ge­nann­te „Zigeunerlager“, in dem tausen­de von Sinti und Roma inhaf­tiert waren, aufgelöst und sämt­li­che Häft­lin­ge in den Gas­kammern er­mordet werden.

„An diesem Tag jedoch leisteten die dort inhaftierten Menschen Wider­stand gegen die Aktion der SS. Dieser Widerstand gegen die Ver­nichtung ist in der Ge­schichte von Auschwitz wie in der Ge­schichte der NS-Ver­brechen und des Widerstands bis­lang nicht hin­reichend ge­würdigt worden, ob­wohl eine Viel­zahl von Zeit­zeugen­aus­sagen vor­liegen, die diesen Widerstand doku­men­tieren und die ein­deutig diesen ver­zweifelten Akt des Wider­stands in Auschwitz-Bir­kenau, im Zentrum des Holocaust, be­le­gen“, so Romani Rose.

Die SS brach die Vernichtungsaktion am 16. Mai 1944 wegen des Wider­stands der Sinti und Roma ab; wohl auch, um zu ver­hindern, dass der Widerstand auf andere Lager­abschnitte über­greifen konnte. In der Folge depor­tierte die SS die arbeits­fähigen und wider­stands­fähi­gen jungen Männer und Frauen mit ihren Familien in andere Konzentra­tions­lager. Viele von ihnen waren kampf­erfahrene ehe­malige Soldaten, die oftmals direkt von der Front nach Auschwitz-Birkenau ver­bracht wurden. In der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 wurden dann die letzten 4.300 im Lager­abschnitt BII e noch leben­den Menschen in den Gaskammern er­mordet, die meisten waren Frauen, Kinder, Alte und Kranke. Dieser Tag ist heute der inter­natio­nale Gedenktag an die Opfer des Holo­caust an den Sinti und Roma Europas.

Eine Vielzahl von Zeugenaussagen, die den Aufstand vom 16. Mai 1944 dokumen­tie­ren, brachte der Prozess am Land­gericht in Siegen gegen den SS-Rot­ten­führer in Auschwitz Ernst August König hervor. Die Zeugen hielten hier un­abhän­gig von­einander fest, dass die Sinti und Roma im Lager wuss­ten, wie der Prozess der Ver­nichtung or­ganisiert war – anders als Neu­ankömm­linge in Auschwitz-Bir­kenau, die direkt in die Gas­kammern ge­bracht wurden. So be­richtete Walter Winter:

„Wir wussten genau, wie die SS vorging. Erst rufen sie, dass alle raus­treten sollen, dann reißen sie die Block­tore auf, stür­men herein und brüllen: ‚Raus, raus, raus!‘ Wir haben ver­abredet: ‚Wenn sie bei uns an­fangen, gehen wir nicht aus dem Block. Und zwar alle nicht. Wir rühren uns einfach nicht. Wir müssen uns aber mit irgend­etwas bewaff­nen, mit Latten oder sonst etwas, und damit stehen wir dann hinter der Tür.

Wir lassen sie rein­stürmen, greifen uns die SS-Leute und ver­suchen, an ihre Maschinen­gewehre zu kom­men.‘ Wir wären alle bereit ge­wesen zu schießen, denn wir hatten sowieso nichts zu verlieren. Ich glaube, sogar ich hätte ge­schossen. In der Überzahl waren wir immer, aber wir waren immer un­bewaffnet, des­halb konn­ten wir nie etwas gegen unsere Peiniger aus­richten.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma war in dem Prozess gegen König als Neben­kläger vertreten, 1991 ver­urteilte ihn das Land­gericht Siegen wegen mehr­fachen Mordes zu einer lebens­längli­chen Haftstrafte. Im Urteil des Gerichts von 1991 wurde der Wider­stand der Sinti und Roma im Lager­abschnitt BIIe aus­drück­lich gewürdigt: das Gericht stellte fest, dass der Versuch, die In­sassen des Lager­abschnitts BIIe im Mai 1944 zu ermor­den, ge­scheitert sei, „weil die Zigeuner­häftlinge von dem da­maligen Rapport­führer [Bonigut] gewarnt worden waren, sich daraufhin mit Werkzeugen und ähn­li­chem bewaffnet hatten und Widerstand leis­teten.“ Vor allen Dingen aber waren unter den Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau auch viele ehe­malige Soldaten, die teilweise direkt von der Front in das Ver­nichtungs­lager de­portiert worden waren. Sie konnten daher nicht nur mit Waffen um­gehen, sondern waren auch in der Lage, ihre Wider­stands­aktion wirk­sam zu or­ganisieren.

Zilli Schmidt, die als Häftling das Vernichtungslager Auschwitz-Bir­kenau über­lebte, be­schrieb den Wider­stand in ihren 2020 er­schiene­nen Erinnerun­gen:

„Sie wollten uns eigentlich schon vorher alle umbringen. Schon vor dem 2. August 1944 wollte die SS das. Irgend­wann wollten sie das ge­sam­te »Zigeunerlager« auf­lösen. Aber da machten die Häftlinge einen Aufstand; das waren die Deutschen, die Sinti. Die Block­ältesten und die, die da das Sagen hatten, die wollten das nicht, die haben irgendwie Wind davon be­kommen. Sie wussten, was die planten von der SS. Da haben sie Gewehre ge­sammelt und Gegen­stände, die man als Waffen be­nutzen konnte. Um sich zu wehren. Aber so weit ist es nicht ge­kommen, es kam nicht zum Kampf. Die SS hat erst einmal ab­gelassen, als sie merkten, dass die Sinti sich wehren würden. Dann haben sie sie alle ab­geschoben, die ganzen Block­ältesten, die, die sich wehren konnten, alle. Auch die Lager­ältesten, die ihnen ge­holfen hatten, die sind dann alle ab­gezogen worden.“

Der Holocaust an den Sinti und Roma wurde über viele Jahrzehnte von der Geschichts­wissen­schaft wie von der Politik ver­harmlost oder ledig­lich als Anhängsel der Shoah, der Ermordung von sechs Millio­nen Jüdinnen und Juden durch die National­sozialis­ten und ihre Helfer, an­ge­sehen. Erst 1982 wurde der Holocaust an den Sinti und Roma von Bundes­kanzler Helmut Schmidt völker­rechtlich an­erkannt. Davor fanden die Aus­sagen der über­lebenden Sinti und Roma keiner­lei Gehör in der deutschen Öffent­lich­keit. Die Bürger­rechts­arbeit des Zentralrats Deut­scher Sinti und Roma machte dann in den 1980 und 1990er Jahren die Publika­tion einer Vielzahl von Zeit­zeugen­berichten und Bio­graphien möglich.

(Text: Zentralrat)

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