Latcho Dives: 1. Romafestival in Leipzig

September 4th, 2020  |  Published in Film & Theater, Kunst & Fotografie, Literatur & Bücher, Musik, Veranstaltungen & Ausstellungen

Latcho Dives in LeipzigVom 6. bis zum 13. September steht die Kul­tur der Ro­ma und Sin­ti im Mit­tel­punkt eines Fes­ti­vals in Leip­zig

„Latcho Dives“ ist Romanes, die Sprache der Roma, und be­deutet „ein schö­ner Tag“. Gleich acht „Latcho Dives“ bie­tet das 1. Kultur­festival der Roma und Sinti, das vom Roma­no Sum­nal e. V. – der ein­zigen in Sachsen exis­tie­ren­den Selbst­orga­ni­sation der Sinti und Roma – und dem Kultur- und Be­geg­nungs­zentrum Ario­witsch-Haus e. V. – Zentrum jüdi­scher Kultur – ins Leben ge­rufen wur­de. Die Kultur der Roma und Sinti mit ihrer Poesie, der authen­ti­schen Musik- und Tanz­kunst und den bilden­den Künsten spie­gelt wahren euro­päi­schen Geist wider, weil diese Kultur – trotz be­stän­diger Aus­gren­zun­gen – keine Grenzen kennt. Doch in Leipzig sind Roma und Sinti im Alltag und in der Kultur meist un­sichtbar. „Wir Roma- und Sin­ti-Bür­ger der euro­päi­schen Länder tragen zur Kultur der Länder bei und sehen uns als eine Bereiche­rung. Leider wir das selten in den Vorder­grund ge­stellt, son­dern von man­chen Men­schen sogar an­ge­zweifelt. Mit unse­rem Festival wollen wir in Leipzig selbst nach vorne treten und uns zeigen.“ so Gjulner Sejdi, der 1. Vor­sitzen­de des Roma­no Sumnal e. V. Un­gefähr 150 Roma und Sinti sind in Leipzig in diesem Verein en­gagiert.

„Selbst in einer so kulturprallen Stadt wie der un­seren sucht man Kunst, Kultur und Lebens­wirklich­keit von Sinti und Roma noch immer viel zu oft ver­gebens in den Ver­anstal­tungs­ka­len­dern“, sagt Ober­bürger­meis­ter Burkhard Jung in seinem Gruß­wort zum Festival. Mit dem Kultur­festival soll nun die Vielfalt und Kultur der Lebens­welt der Roma und Sinti in Leipzig an sechs ver­schiedenen Ver­anstal­tungs­orten er­lebbar werden. „Das Festival ist ein guter Schritt, um ein brei­teres Be­wusst­sein für die An­liegen der Sinti und Roma zu schaf­fen“, so Katja Meier, sächsi­sche Staats­minis­terin der Justiz und für Demo­kratie, Europa und Gleich­stellung. Und es ist ein Statement ge­gen Vor­urteile, Rassis­mus, Hass und Rechts­populis­mus in unserer Gesell­schaft.

Das Programm beginnt am Sonntag, den 6. Septem­ber mit der Eröffnung des Kul­tur­festi­vals und der Vernissage der Aus­stellung „Forgotten Lines“ von Emanuel Barica. Der Berliner Roma-Künst­ler ent­wickelte die Metho­de der „Zeichnung der In­tui­tion“, wobei er per­formativ zu Musik­klängen zeich­net. Dabei ent­stehen dynami­sche Portraits mit Kugel­schreiber oder Zeichen­tusche in we­nigen, kräftigen Farben, die sich durch ihre Einfach­heit und zu­gleich durch ihre Detail­treue und Poesie aus­zeichnen. Zur Eröffnung der Aus­stellung „Forgot­ten Lines“, die im An­schluss einen Monat lang im Ario­witsch-Haus zu sehen ist, er­schafft er mit seiner Part­nerin, der Tänzerin Haruka Tomatsu, ein neues Kunst­werk in einer Live-Per­formance.

Zur Eröffnung der Festwoche sprechen der 1. Vorsitzende des Romano Sumnal e.V., Herr Gjulner Sejdi, der Bei­geord­nete der Stadt Leipzig für Jugend, Sozia­les, Gesund­heit und Schule, Prof. Dr. Thomas Fabian, der Vor­sitzende des Zentral­rats der Sinti und Roma in Deutschland, Herr Romani Rose und die Staats­minis­terin für Justiz und Demo­kratie, Europa und Gleich­stellung, Frau Katja Meier, ab 16 Uhr im Ario­witsch-Haus.

Das musikalische Programm des Kulturfestivals er­öffnet am Sonn­tag die Bojan Ristić Brass Band, um 20 Uhr auf der Terras­se der Moritzbastei. Die ser­bische Brassband, die kein Tanz­bein still stehen lässt, sahnte in den ver­gan­genen Jahren un­zählige Preise ab und gilt als ein Juwel südost­europäi­scher Blasmusik, das man nicht ver­passen darf.

Am Montag, den 7. September wird die Ausstellung „Auf dem Dienstwege“ mit einem Vortrag von Alexander Rode in der Un­teren Wandel­halle im Neuen Rathaus prä­sen­tiert. Rode forscht zur Aus­grenzung von Sinti und Roma in Leipzig, die Aus­stellung arbeitet die Aus­grenzung und Deportation wäh­rend des National­sozialismus auf. Die rassis­tisch mo­tivier­te Verfolgung und Ver­nichtung Leip­ziger Sinti und Roma ge­schah schritt­weise in aller Öffent­lichkeit, wobei die Polizei und das da­mali­ge „Institut für Rassen und Völker­kunde“ der Leip­ziger Universität eng zu­sammen­ar­bei­teten.

Die Musikkultur ist eines der herausragen­den Allein­stellungs­merk­male der Kultur von Sinti und Roma. Bis Anfang des 20. Jahr­hun­derts lebten jüdische und Roma-Mu­siker­fami­lien in Südost­europa zu­sammen, heirateten unter­einan­der und musi­zierten gemein­sam. Diese einzig­artige Musik­kultur aus jüdischen Klezmer- und Ro­ma-Lautar-Mu­sik wurde durch den Zwei­ten Welt­krieg und den Holocaust zer­stört. Im Dokumentarfilm „Der zerbrochene Klang“ be­geben sich 12 be­kannte Musikerin­nen und Musiker aus aller Welt auf eine Reise in die Ver­gangen­heit. Der Film wird am Diens­tag, den 8. September ab 19 Uhr und an­schlie­ßen­dem Gespräch mit der Regisseu­rin Yvonne Andrä in der Cinéma­thèque Leipzig ge­zeigt.

Am Mittwoch, den 9. September diskutieren Sonja Kosche, Roma­aktivistin aus Berlin, der Ge­schäfts­führer von Amaro Drom e.V., Merdjan Jakupov und Gjulner Sejdi, der Vor­sitzen­de des Roma­no Sum­nal e.V. Leipzig im Ario­witsch-Haus über die Rolle der Roma und Sinti im Kampf gegen Rassismus. Es wird ins­besondere um den Be­schluss des Bundestags aus dem ver­gan­ge­nen Jahr gehen, eine Anti­ziganismus­komission ein­zu­rich­ten. Was konn­te der Beschluss bis heute be­wirken? Wo steht der Freistaat Sachsen im Ver­gleich zu ande­ren Bundes­ländern im Kampf gegen den Rassismus? Diese Fragen betreffen das tag­täg­liche Leben von Roma und Sinti in Sachsen, die in dieser Podiums­diskussion ver­ständ­lich ge­macht wer­den sollen.

Am Donnerstag, den 10. September wird die lyrische Seite der Kultur der Roma und Sinti vor­ge­stellt. In einer literari­schen Lese­reise werden ab 19 Uhr im Ario­witsch-Haus Gedichte, Kurz­ge­schichten und Roman­aus­züge aus allen Teilen der Welt vor­gestellt. Die Literatur­stücke aus Regionen von Asien bis Europa werden von Bildern und regio­naler Musik unter­malt.

Ein weiteres musikalisches Highlight ist das Konzert der Gypsy Kings Leipzig. Die jun­ge Rap-Grup­pe aus Grünau spiegelt ihre Lebens­realität in ihren Songs und Texten wider. Die Combo setzt sich aus Roma, Ge­flüchteten und ge­bürti­gen Leipzigern zu­sammen und trat schon beim Leipziger Brücken­fest oder beim Hederlezi-Stra­ßen­fest in Berlin auf. Am Freitag, den 11. Sep­tember um 18 Uhr rappen sie dort, wo ihre Texte ent­stehen: in Leip­zig-Grünau im OFT Völker­freund­schaft.

Zum Festival-Abschluss sind alle eingeladen zum Begegnungsabend mit Musik, Tanz, Poesie und kulina­rischen Köst­lich­keiten am Sams­tag, den 12. Sep­tember ab 18 Uhr. Leip­ziger Roma und Sinti musi­zieren und laden zu gemein­sa­men Tänzen ein, Lese­paten wie Jürgen Zielinski, Dr. Thomas Feist u.a. neh­men Sie mit auf kurze literari­sche Reisen und der Straßen­künstler Emanuel Barica zeic­hnet für Sie. Kulina­ri­sche Köst­lich­keiten bieten die Mit­glieder des Roma­no Sumnal e. V. auf einem gro­ßen Buffet an. An unter­schied­li­chen Statio­nen auf der Wiese – kleinen kulturel­len „Inseln“ – wer­den die inhalt­li­chen Schwer­punkte der Kulturwoche auf­ge­grif­fen und laden zum Kennen­lernen und Mit­machen ein.

Der Romano Sumnal e.V. bietet mit seinem Büro in Leipzig-Grünau einen Anlaufpunkt mit Unter­stützungs- und Beratungs­an­ge­bo­ten. Mit Pro­jekten und Aktio­nen ge­gen Antiromaismus und für das Empowerment von Roma in Sachsen leis­tet der Verein einen wich­ti­gen Beitrag gegen an­dauern­de Diskriminierung.

Das Ariowitsch-Haus ist das größte Zentrum für jüdische Kultur in Sachsen. Die Be­geg­nungs­stätte bildet mit zahl­rei­chen Konzerten, Lesungen, Aus­stel­lun­gen, Semina­ren und Vor­trägen sowie dem Mehr­gene­ra­tionen­haus ein bun­tes Zentrum in der Nach­bar­schaft des Leip­zi­ger Waldstraßen­viertels.

Das Programm in Kürze

Sonntag, 6. September | 16 Uhr
Eröffnung des 1. Leipziger Kulturfestivals der Roma und Sinti LATCHO DIVES
Und Vernissage der Ausstellung „Forgotten Lines“ von Emanuel Barica
Ort: Ariowitsch-Haus (Saal), Hinrichsenstraße 14
Die Anmeldung ist bereits geschlossen, die Veranstal­tung wird via Live­stream über­tragen.

Sonntag, 6. September | 20 Uhr
Bojan Ristić Brass Band
Ort: Terrasse Moritzbastei Leipzig
Eintritt: VVK 18 €/13 € (ermäßigt), AK 20 €/15 € (er­mä­ßigt)
www.tixforgigs.de

Montag, 7. September | 18 Uhr
Ausgrenzung und Deportation der Leipziger Sinti und Roma im Nationalsozialismus
Vortrag zur Ausstellung „Auf dem Dienstwege“ von Alexander Rode
Ort: Neues Rathaus, Untere Wandelhalle, Mar­tin-Lu­ther-Ring 4-6
Eintritt frei

Dienstag, 8. September | 19 Uhr
„Der zerbrochene Klang“, Dokumentarfilm über Jüdi­sche und Sin­ti-Mu­sik
Ort: Cinémathèque Leipzig e.V., Karl-Lieb­knecht-Straße 48
Eintritt: 6,50 €, 5 € (ermäßigt), 3 € (Leipzig-Pass)

Mittwoch, 9. September | 19 Uhr
Roma und Sinti und der Kampf gegen den Rassismus
Podiumsdiskussion
Ort: Ariowitsch-Haus (Saal), Hinrichsenstraße 14
Eintritt frei

Donnerstag, 10. September | 19 Uhr
Eine literarische Reise durch das Europa der Roma und Sinti
mit Gedichten, Kurzgeschichten und Romanauszügen, be­glei­tet von Bil­dern und Mu­sik
Ort: Ariowitsch-Haus (Saal), Hinrichsen­straße 14
Eintritt frei

Freitag, 11. September | 18 Uhr
Gypsy Kings Leipzig
Konzert junger Roma und Sinti
Ort: OFT Völkerfreundschaft Grünau, Stutt­gar­ter Allee 9
Eintritt frei

Samstag, 12. September | 18 Uhr
Festival-Abschluss: Begegnungsabend mit Musik, Tanz, Poesie und ku­li­na­ri­schen Köst­lich­kei­ten
Ort: Wiese der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Wäch­ter-/Gras­si­straße
Eintritt frei

AUSSTELLUNGEN

31.08.-11.09.2020
Ausstellung „Auf dem Dienstwege“ –Dokumente zur Erfassung, Ausgrenzung und Deportation der Leipziger Sinti und Roma im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus
Ort: Neues Rathaus, Untere Wandelhalle, Mar­tin-Lu­ther-Ring 4-6
Eintritt frei
Die Ausstellung ist immer Montag-Freitagvon 9-18 Uhr ge­öff­net.

6.9.-5.10.2020
Emanuel Barica: „Forgotten Lines“
Ort: Ariowitsch-Haus (Saal), Hinrichsen­straße
Eintritt frei
Die Ausstellung ist Montag-Donnerstag von 9-18 Uhr und sonn­tags zu Ver­an­stal­tun­gen ge­öff­net.

(Text: www.latchodives.de)

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