Die Legende von den „Großfamilien“

Juni 17th, 2020  |  Published in Medien & Presse, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Iduna-Zentrum in Göttingen (Foto: CC0 1.0, F. Welter-Schultes, Wikimedia)Deutschland: Die Legende von den Roma-„Groß­fa­mi­lien“ am Co­ro­na-Hot­spot

Stefan Lauer/Belltower.News: Göttingen kämpft seit Tagen mit einem Corona-Aus­bruch. Zu­nächst heißt es, 170 Be­woh­ner/in­nen eines Hochhauses seien be­troffen und hät­ten sich wä­hrend des is­lami­schen Zuckerfestes an­gesteckt. „Groß­familien“ hät­ten zusam­men gefeiert und sich unter ande­rem beim Moschee­besuch und in einer Shisha-Bar an­ge­steckt. Medien und Behör­den machen vor allem muslimi­sche Roma-Fa­milien ver­ant­wort­lich. Eine Ge­schichte, die bei nähe­rer Betrach­tung aus­einan­der­fällt.

In Göttingen dreht sich zur Zeit alles um das „Iduna“-Zentrum. Ein Hoch­haus­komplex mit 700 Bewoh­ner/in­nen, der als „sozia­ler Brennpunkt“ gilt. Er­baut wurde das Zentrum in den 70er Jah­ren und galt zu­nächst als Modell­projekt, mit Wohn­raum für Studie­rende und Fami­lien. Doch die Ver­ant­wort­li­chen ver­loren recht schnell das Interesse an dem Gebäude, das Um­feld fing an zu ver­fallen. In den 1990er Jah­ren wurden hier Bürger­kriegs­flüchtlinge aus Jugoslawien untergebracht. Mittlerweile leben im Komplex viele migrantische Bewoh­ner/in­nen, Geflüchtete und ande­re Men­schen mit wenig Ein­kommen. Diese Wohnungen wer­den beson­ders gern an Empfän­ger/in­nen von Transfer­leis­tungen vermietet. So be­kommen die Besitzer/in­nen auch für kleine und herunter­gekom­mene Woh­nungen gutes Geld von den Be­hörden, ohne sich um Ver­besse­run­gen küm­mern zu müssen.

Vor wenigen Tagen wurde nun bekannt, dass im „Iduna“-Zentrum ein Corona-Hotspot ent­stan­den sei. Der Krisen­stab der Stadt Göttingen, ge­leitet von Petra Broistedt, spricht von 170 Infizier­ten aus meh­re­ren „Großfamilien“, die sich angesteckt hät­ten, weil sie unter Miss­achtung der Vor­schriften ge­meinsam das Ende des islamischen Fasten­monats Ramadan, das Zuckerfest, ge­feiert hätten. Auch in einer Moschee sol­len die ominö­sen „Großfamilien“ ge­wesen sein.

Die Medien reisen an. In der Stadt werden Bewohner/innen befragt, in prak­tisch jedem Fernseh­beitrag wer­den aus­schließlich weiße Men­schen inter­viewt, die ihrer Empö­rung wegen der Ver­antwor­tungs­losig­keit der Hoch­haus­be­wohner/in­nen, Luft machen. Rück­sichtlosig­keit wird den Men­schen vor­geworfen. In Boulevard­medien sind „arabische Clans schuld an Göttinger Mas­sen­ausbruch“. Jetzt stellt sich heraus: Al­les ist ganz anders.

Sogar die Zahlen des Krisenstabes werden im Nachhinein korri­giert. Tat­sächlich gibt es im Haus nur 60 Infizierte. Die rest­lichen Fälle sollen al­ler­dings mit dem An­steckungs­herd in Ver­bin­dung stehen. „Die unter­schied­li­chen Zahlen beruhen nach An­gaben der Stadt Göttingen auf einem Über­mittlungsf­ehler“, heißt es beim NDR.

Das Roma Antisdiscrimination Network (RAN) macht auf weitere Miss­stände in der Bericht­erstattung und bei Behörden auf­merksam. Denn tat­säch­lich ent­stand der Infektions­herd laut RAN nicht durch die be­schuldigte „Groß­familie“, son­dern durch einen anderen Mann. Das Gesundheits­amt hatte bei ihm eine Infektion ver­mu­tet und seit dem 17. Mai Quarantäne ver­ord­net. Daran hielt der Mann sich aller­dings nicht und war im Haus, auch im Fahrstuhl, un­ter­wegs. Unter anderem Mit­glieder der jetzt krimi­nali­sier­ten Familien wiesen die Behörden mehr­fach darauf hin, eine Reaktion gab es keine.

Der Mann wurde erst am 29. Mai in Polizei­beglei­tung ins Krankenhaus ge­bracht. Trotz­dem gaben die Behörden an, „Patient Null“, also der erste Coro­na-Fall im Hochhaus, soll das Mit­glied einer der Roma-Fa­milien sein, der sich im Rahmen des Zucker­festes, an­gesteckt hätte. Die An­gehö­rigen des Mannes wollten sich nach seiner Ein­lieferung ins Kran­ken­haus testen lassen, wur­den aber von der Klinik ab­gewiesen. In den Medien war da­gegen davon zu lesen, dass sich Bewoh­ner/in­nen einem Test verweigern würden. Und selbst in ent­spre­chen­den Berichten kommt es zu Widersprüchen. So raunt ein Sprecher in einem NDR-Beitrag über die verpflichtenden Tests: „einige [Bewohner/innen] könnten sich weigern oder rabiat werden“. Nur um un­mittel­bar danach den Einsatz­leiter der Feuerwehr zu Wort kom­men zu lassen, der die Tests ko­ordinierte: „Ziel er­reicht. Sehr große Koope­ra­tions­bereit­schaft. Es gab tat­sächlich so gut wie keine Sprach­barrieren. Wenn es die gab, konnten wir die unter den Kol­legen und Kollegin­nen klären.“

Genausowenig scheint die Darstellung in Sachen Moschee­besuch zu stim­men. Also den Besuch, den es an­läss­lich des Zuckerfestes gab. Dabei ge­schah aller­dings nichts Illegales. Viel­mehr war der Besuch mit dem Ordnungs­amt ab­gespro­chen und ge­nehmigt. Mahmoud Abdel Aziz, der Imam der be­trof­fenen Moschee, sagt dem ARD-Ma­gazin Panorama: „Wir haben gesagt, der­jenige, der keine Maske hat, kommt nicht rein. Wir machen die Hygiene­vor­schriften noch stärker, als sie staatlich fest­gelegt sind“. Die Teil­nehmen­den geben an, die Abstands­regeln ein­gehalten zu haben, sowie eigene Gebets­teppiche be­nutzt zu haben, wie es ein Familien­mit­glied in einem Interview mit der Deutschen Welle be­schreibt. Er gibt auch an, dass es wohl private Feiern gab, an de­nen aber nicht wie von Behörden und Medien be­schrie­ben „Groß­familien“ zu­sammen­kamen. Bei „Panorama“ be­schreibt Kelmend Saciri die Feiern: „Die haben in der Zeitung ge­schrie­ben über eine große Feier. Da war überhaupt nichts. Da war keine große Feier. Wie können wir eine große Feier machen in einer Woh­nung mit 71 Quadrat­me­tern? Oder mit 50 Quadrat­metern?“

Die Stadt Göttingen rudert mittlerweile etwas zurück. Krisenstabs­leite­rin Broistedt bereut den Begriff „Großfamilie“, der zu Stigmatisierung von Men­schen ge­führt habe. Und auch die Ge­schichte der großen Feiern klingt jetzt an­ders. Nur jetzt ist es zu spät, denn die dis­krimi­nie­ren­den Schlag­zeilen und Vor­ver­urteilun­gen sind in der Öffent­lich­keit. Claire Deery, Vor­sitzende des Nieder­sächsi­schen Flüchtlings­rates sagt Pa­norama: „Es führt dazu, dass das Bild in der Öffent­lichkeit nicht mehr ver­ändert werden kann. Was wir jetzt brau­chen ist eine klare Stellung­nahme mit den Fakten, die es der­zeit gibt. Die Fakten­lage än­dert sich zu Guns­ten der Be­wohner, weil immer klarer wird: even­tu­ell gab es gar keine Regelverstöße.“

(Text: Stefan Lauer/Belltower.News, 12.6.2020)

Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung!

Siehe auch:
RAN: Hetze nach Coronafällen in Göttingen, 6.6.2020

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