NS-Zeit: Wissenslücken bei Wiener Schülern

Mai 10th, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken, Jugend & Bildung, Wissenschaft

Schulexkursion nach Mauthausen (Foto: AHS Friesg., 2019)Wiener Studie zeigt: Schülerinnen und Schüler der 9. Schul­stu­fe ha­ben ek­la­tan­te Wis­sens­lü­cken zu NS-Zeit und Ho­lo­caust. Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um stellt Ver­bes­serungen in Lehr­kräf­te­aus­bil­dung und -fort­bil­dung in Aus­sicht.

Eine repräsentative Befragung von Schülerinnen und Schülern, die das Zentrum für Politische Bildung im Auftrag der Arbeiterkammer an Wiener Schulen durchgeführt hat, förderte eklatante Wissenslücken zur Zeit der NS-Herrschaft zutage. Das berichtet das Magazin Profil, dem die noch nicht publizierten Studienergebnisse bereits im Detail vorliegen, in seiner aktuellen Ausgabe. Befragt wurden 1.185 Schülerinnen und Schülern der 9. Schulstufe an AHS, Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) und Polytechnischen Schulen (PTS). 81 Prozent von ihnen konnten mit dem Begriff „Antisemitismus“ nichts anfangen, und nur ein Drittel weiß, wie die Nazi-Partei hieß (wobei auch das Parteikürzel NSDAP als korrekt gewertet wurde). Auch in Gymnasien lag der Anteil der richtigen Antworten hier nur bei 48 Prozent (BHS: 37 Prozent, an den BMS: 20 und an den PTS: 12 Prozent).

Noch größere Wissenslücken zeigten die Jugendlichen bezüglich des Novemberpogroms 1938. Profil schreibt: „Von den AHS-Schülern konnten laut Studie nur 20,3 Prozent eine ausreichende Definition des Pogroms anführen; in 33 Prozent der Fälle war die Definition unzureichend, knapp die Hälfte hatte gar keine Antwort parat. Unter den Schülern Polytechnischer Schulen (PTS) ließen knapp 80 Prozent das Antwortfeld leer, weitere 14,5 Prozent antworteten unzureichend. Nur 2,9 Prozent der PTS-Schüler konnten die Pogrome korrekt definieren.“

Auch über die Zahl der rund sechs Millionen jüdischen Opfer wussten ein Gros der Jugendlichen nicht Bescheid. Nicht einmal ein Drittel der AHS-Schülerinnen und -Schüler konnte eine zutreffende zahlenmäßige Einordnung vornehmen; an den PTS waren es sogar weniger als ein Zehntel. Die Dimension der Shoah wird von vielen Jugendlichen massiv unterschätzt: „Jeder zehnte AHS-Schüler sowie um die 20 Prozent der BMS- und PTS-Schüler gaben an, dass unter einer Million Juden ermordet wurden“, heißt es dazu auf ORF.at.

Bei dem schriftlich und ohne Zeitlimit erfolgten Befragung per Testbogen konnten maximal 35 Punkte erzielt werden. Das durchschnittliche Testergebnis aller Befragten lag bei 7,7 Punkten. AHS-Schülerinnen und -Schüler erzielten knapp elf Punkte, an den PTS wurden im Schnitt nur etwas mehr als drei Punkte erreicht. Die Schülerinnen schnitten bei der Erhebung signifikant schlechter ab als ihre männlichen Schulkollegen.

Nationalsozialismus im Lehrplan

Diese historischen Bildungslücken bei den Schülerinnen und Schülern der 9. Schulstufe sind umso alarmierender, enthalten die Lehrpläne für die vorangegangene 8. Schulstufe doch explizit auch einen thematischen Unterrichts­schwerpunkt über den Na­tio­nal­sozia­lis­mus.

Konfrontiert mit den Studienresultaten verwies das Bildungsministerium gegenüber Profil auf „die umfassenden pädagogischen Bemühungen, etwa das hauseigene Holocaust-Education-Institut“.Die Befragung habe aber aufgezeigt, „dass sowohl in der Lehrkräfteausbildung als auch in der Lehrkräftefortbildung die Auseinandersetzung mit dieser Thematik intensiviert werden muss“. Das Ministerium kündigte an, auf die aufgezeigten Defizite zu reagieren. Auch ein Großteil der Schülerinnen und Schüler spricht sich dafür aus, im Unterricht mehr über das Thema Nationalsozialismus zu erfahren. An den BMHS und PTS sind es die Mehrheit, an den AHS sind es immerhin fast die Hälfte (42 Prozent).

Ähnliche Ergebnisse in früheren Studien

Ein ähnlich tristes Bild ergaben übrigens zuletzt auch Studien unter Schülerinnen und Schülern in Deutschland. So ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage 2017 (pdf), dass 47 Prozent der befragten Jugendlichen (14 bis 16 Jahre) den Begriff „Auschwitz“ nicht einordnen können.

Eine weitere Studie, die vom US-Sender CNN beauftragt und vom Institut ComRes durchgeführt wurde, ergab 2018, dass 40,4 Prozent der befragten jungen Erwachsenen in Deutschland (18 bis 34 Jahre) angaben, sie wüssten wenig („just a little“) oder gar nichts („never heard of it“) über den Holocaust. [Tab. 49, CNN Germany Tables] In Österreich lag der Wert sogar noch höher (48 Prozent). [Tab. 49, CNN Austria Tables] Zum  Vergleich: Unter allen europäischen Befragten der interationalen Studie betrug der Anteil der Schlecht- bzw. Uniformierten (wenig/gar nichts) nur bei 33 Prozent.

Über die österreichischen Ergebnisse heißt es auf der Website von CNN:

In Austria — the country where Hitler was born — 12% of young people said they had never heard of the Holocaust. Austria also had the highest number of people in the survey saying they knew “just a little” about the Holocaust. Four out of 10 Austrian adults said that.

Holocaust Knowledge and Awareness Study (2019)

Im Vorjahr hat eine Erhebung im Auftrag der Claims Conference gravierende Wissensmängel der erwachsenen Österreicherinnen und Österreicher erkennen lassen. Dem Großteil der 1.000 für die „Holocaust Knowledge and Awareness Study“ (pdf) befragten Personen (56 Prozent) war nicht bekannt, dass in der NS-Zeit sechs Millionen Juden ermordet wurden. In der jüngeren Alterskohorte waren es 58 Prozent. „Mehr als ein Drittel aller Österreicher (36 Prozent) und 42 Prozent der um die Jahrtausendwende Geborenen glauben, dass zwei Millionen oder weniger Juden während des Holocaust ermordet wurden“, fasste die Kleine Zeitung ein weiteres Ergebnis zusammen. In der jüngeren Altersgruppe stimmten darüber hinaus 13 Prozent der Aussage zu, dass die Zahl der ermordeten Juden „weit übertrieben“ sei. Auf die Frage nach NS-Konzentrationslagern in Österreich sie kennen, konnte fast die Hälfte (42 Prozent) das KZ Mauthausen nicht nennen. 79 Prozent wussten, dass Adolf Hitler aus Österreich stammte. Bei Adolf Eichmann, den immerhin jeder Zweite (51 Prozent) kannte, waren es überhaupt nur 14 Prozent. Für Matthew Bronfman von der Claims Conference erklärte, dass die Ergebnisse der Befragung zur Dimension des Holocaust deutlich machten, „dass wir vor einem Problem stehen“. Man scheitere „offenbar darin, junge Menschen zu unterrichten“.

Lücken – auch in den Studien

Der Roma-Holocaust, also der nationalsozialistische Völkermord an den Roma und Sinti, wird übrigens (soweit anhand der öffentlich zugänglichen Informationen überprüfbar) in keiner der genannten Studien thematisiert. Allein die CNN-Studie fragt neben antisemitischen Einstellungen auch die Haltung gegenüber Roma und Sinti ab – allerdings ohne die NS-„Zigeunerverfolgung“ und den Roma-Holocaust auch nur zu streifen. Der Wissensstand über den Genozid an den Roma ist auch bei dieser Studie nicht Gegenstand der Erhebung. Auch das eine eklatante Lücke, über die man reden sollte.

(RU/dROMa)

Comments are closed.