Die Masche der Bild-Zeitung

März 15th, 2020  |  Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

„Die Masche der Roma“? Wann die „Bild“-Medien Roma und Romnja er­wäh­nen

Eine Frau hat mehreren Rentnern Lügengeschichten er­zählt und ihre Opfer dabei um viel Geld ge­bracht: Mal be­haup­tete sie, dass sie ein Ver­mögen auf einem Schweizer Konto lie­gen hätte, an das sie aber nur ran­käme, wenn man ihr Geld für Notar und Anwalt leiht; mal sagte sie, dass sie Proble­me bei der Rück­zah­lung eines Darlehens hätte. Die Männer gaben ihr teil­weise sechs­stel­lige Summen, die sie nie wieder­beka­men — ins­ge­samt 1,5 Millio­nen Euro soll sich die Frau auf diese Weise er­gaunert haben. Ver­gan­gene Woche wurde sie zu sechs Jah­ren und neun Mo­na­ten Haft ver­urteilt. Bild.de und die Frankfurt-Aus­ga­be der „Bild“-Zeitung be­rich­te­ten über den Pro­zess:

zwischenueberschriftroma01
(Zur Unkenntlichmachung: Verpixelung links und Augen­bal­ken rechts durch „Bild“, der Rest durch BILD­Blog.de.)

Der Autor schildert in seinem Text auch das Vorgehen der Frau und schreibt als Ein­lei­tung in „Bild“:

DIE MASCHE DER ROMA:

Bei Bild.de wurde daraus eine Zwischen­überschrift:
zwischenueberschriftroma02Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Taten der Frau mit ihrer ethnischen Zu­ge­hörig­keit zu tun haben. Und es gibt ge­nau­so wenig Anhalts­punkte dafür, dass man diese „Masche“ als eine „der Roma“, wohl­gemerkt im Plural, be­zeich­nen kann. Der Presserat schreibt in Richtlinie 12.1 seines Pressekodex:

In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwäh­nung der Zugehörigkeit der Ver­däch­ti­gen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder an­de­ren Minderheiten nicht zu einer dis­kriminie­ren­den Ver­all­gemei­ne­rung indi­vi­duel­len Fehl­ver­haltens führt. Die Zu­gehörigkeit soll in der Regel nicht er­wähnt wer­den, es sei denn, es besteht ein be­grün­detes öffent­liches Interesse. Be­son­ders ist zu be­achten, dass die Erwäh­nung Vorurteile ge­gen­über Minderheiten schü­ren könnte.

Genau das befürchtet die Initiative Sinti-Roma-Pride. Sie hat einen Offenen Brief an die „Bild“-Redaktion ge­schrie­ben. Zu dem „zu­tiefst rassistischen, rei­ße­ri­schen und un­zu­tref­fenden“ sowie „anti­ziganis­ti­schen Zusatz“ im „Bild“-Artikel heißt es dort:

Als Angehörige der Ethnie selbst würden wir gerne mehr darüber er­fahren, wieso das unsere Masche ist und wieso wir alle trotz dieser uns fest zu­ge­schrie­be­nen Masche selbst noch keine 1,5 Mio. € er­wirt­schaftet haben, weil wir dahinter noch nicht ge­kommen sind, da der Groß­teil der deutschen Sinti und Roma eben nicht kriminell ist, son­dern ganz normal einer ge­regel­ten Arbeit nachgeht.

Die Nennung der ethnischen Her­kunft der ver­urteilten Be­trü­gerin findet Sinti-Roma-Pride auch des­wegen so auf­fällig, weil eine solche Nen­nung an ande­rer Stelle aus­bleibe: Wenn Roma und Romnja Opfer sind, wie beim rassis­ti­schen Anschlag in Hanau, bei dem auch zwei Roma und eine Romni (mehr hier) ge­tötet wurden. Der „Bild“-Re­dak­tion schreibt die Initia­tive:

Wir als Interessenvertretung für Sinti und Roma, fragen uns an­gesichts dieser un­gleich­wertigen Be­nen­nung von Tätern und Opfern, welches Motiv Sie bei diesem sich immer wieder wieder­ho­lenden Vor­gehen ver­folgen.

Das ist eine sehr gute Frage, finden wir.

Mit Dank an Birgit B. für den Hinweis!

(Text: Moritz Tschermak, BILDblog.de, 5.3.2020)

Wir danken BILDbLog.de für die freundliche Genehmigung.

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