„Sinti und Roma. Eine deutsche Geschichte“

Juli 27th, 2019  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radio, Podcast & TV

Marianne Rosenberg (Foto:ZDF/Heinz Wieseler)Als „Zigeuner“ beschimpft, verfolgt, von den Nazis er­mor­det und aus­ge­grenzt bis heute:

ZDF-History: Sinti und Roma. Eine deutsche Geschichte“ blickt am Sonn­tag, 28. Juli 2019, 23.45 Uhr, an­hand be­we­gen­der Lebens­läufe auf die Ge­schich­te der Sinti und Ro­ma in Deutschland.

Der Film von Annette von der Heyde erzählt unter ande­rem vom Vater der Sänge­rin Marianne Rosenberg. Im Mai 1944 kämpfte er in Auschwitz mit im Auf­stand ge­gen die SS, über­lebte und hielt seine Kinder an, ihre Her­kunft bes­ser zu ver­schwei­gen. Dotschy Reinhardt er­zählt als junge Ver­trete­rin der gro­ßen Musiker­dy­nas­tie Reinhardt vom Schick­sal ihrer Fa­mi­lie. Rita Vowe-Trollmann er­in­nert an ih­ren Vater, den Boxer „Rukeli“, dem die Nazis den Meis­ter­titel ein­fach ab­erkann­ten – we­gen „un­deut­schen Boxens“. Romani Rose be­richtet von sei­nem Vater Oskar, der ver­geb­lich beim Münch­ner Kardinal Faulhaber um Hilfe für sein Volk bat. Der Musiker Janko Lauenberger er­in­nert an seine Ver­wandte Erna. „Ede und Unku“ heißt das Buch über sie, das in der DDR Schul­lek­türe war. Die Doku­men­ta­tion zeigt auch, wie Sinti und Roma nach dem Krieg für Ent­schä­di­gung und An­erken­nung kämpf­ten, und dass Anti­ziganis­mus noch im­mer weit ver­breitet ist.

Auszüge aus den Interviews

Janko Lauenberger (Musiker, Jahrgang 1976) über Vorurteile:
„Als Kind habe ich überhaupt nicht er­zählt, dass ich Sinto bin. Weil ich wusste, was sich dann in den Köpfen der Leute ab­spielt. Wenn sie dich fra­gen: ‘Warum bist du so dunkel, warum hast du schwarze Haare?’ Und du sagst, du bist Sinto, dann wis­sen sie sowieso nicht, was das ist. Sagst du, du bist Zigeuner, dann ver­fallen die in so einen Ge­danken­rausch und man sieht so rich­tig, dass sie ihr Märchen­buch auf­klap­pen: Zigeuner, die klauen, die kön­nen zaubern und was die nicht alles kön­nen.“

Frank Reiter (Historiker) über die Lebensweise der Sinti und Roma:
„Viele hatten ambulante Gewerbe. Wohnwagen heißt nicht, dass sie Nomaden wa­ren, die von Sizilien bis zum Nord­kap unter­wegs waren. Son­dern sie haben in be­stimm­ten Regionen ge­lebt, sind zum Bei­spiel Märkte ab­gefahren und hat­ten feste Kunden. Sie waren in der Regel im Som­mer unter­wegs und hatten feste Winter­quar­tiere. Für die Ver­sor­gung der länd­li­chen Räume waren diese am­bulan­ten Berufe äu­ßerst wichtig.“

Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Er verlor im Holocaust 13 Fa­milien­mit­glie­der) über sein heu­tiges Selbst­ver­ständ­nis:
„Wenn mir jemand vor 40 Jahren gesagt hätte, wo ich heute stehe, da hätte ich ge­sagt: ‘Du bist ein Fantast’. Heute stehe ich mit der Selbst­ver­ständ­lich­keit hier, Deutscher und An­ge­höri­ger einer Minder­heit zu sein, mit einer eige­nen Kultur. Das eine schließt das andere nicht aus. Meine Mutter­sprache ist Deutsch, und ich spre­che auch noch Romanes, und ich ge­höre zu die­sem Land dazu.“

Dotschy Reinhardt (junge Vertreterin der Musiker­dynas­tie Rein­hardt) darüber, wie Musik ihren Ur­groß­vater vor der Gas­kammer rettete:
„Als mein Urgroßvater Heinrich Pfisterer schon in der Gas­kammer war mit den anderen und das Gas schon ein­strömte in den Raum, ging die Tür auf und es wurde nach Musi­kern ge­fragt, weil eben noch Musiker ge­braucht wur­den für eine Feier, die ge­rade statt­fand. Mein Ur­groß­vater konn­te Geige spielen und in diesen Mo­ment hat ihm das das Leben ge­rettet. Das war eine ziem­lich perfide und grau­same Situa­tion, denn direkt aus der Gas­kammer raus­gerissen, wurde er in saubere Kleidung ge­steckt und muss­te da auf dieser Nazi-Party vor seinen Peini­gern Geige spielen.“

Petra Rosenberg (Schwester von Marianne Rosenberg) über Armut in Wirt­schafts­wunder­zeiten:
„Mein Vater war nach seiner Inhaftierung im Konzentra­tions­lager nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Er war kör­per­lich und see­lisch zer­stört. Wir waren immer sauber ge­kleidet und hatten zu essen und trinken, aber wir leb­ten wirk­lich in Armut. Das deutsche Wirt­schafts­wunder gab es für uns nicht.“

Dotschy Reinhardt (Mitglied der Musikerdynastie Reinhardt) über Sesshaftigkeit:
„Als meine Eltern Anfang der 1970ger Jahre in ein Dorf nahe Ravensburg zie­hen wollten, muss­te eine Sozial­arbei­terin die Er­laubnis der An­wohner ein­holen, dass eine Sinti­familie ins Dorf zie­hen darf. Die gute Nach­richt war oder ist, dass alle eigent­lich gar kein Problem damit hat­ten, ab­gesehen von einer Fa­milie. Diese war dum­mer­weise unser direk­ter Nach­bar, aber der konnte da­gegen nichts aus­richten. Das wäre für mich heut­zu­tage un­denk­bar, diese De­müti­gung zu er­tragen. Nicht­desto­trotz leben mei­ne Eltern bis heute noch im selben Dorf. Also, Sinti sind enorm sesshaft, wenn man sie lässt.“

(Text: Programmankündigung ZDF/Presseportal)

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