„Mit dem Kopf voran ge­gen eine Scheibe“

Juli 7th, 2018  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Wien, 7.7.2018: Die Polizei nimmt den Vorfallen in der Favoritenstraße auf (Foto: M. Bonvalot)Zeugenbericht aus Wien: Rassistischer Gewal­takt ge­gen Kind

Der Journalist und Buchautor Michael Bonvalot wurde heute Nach­mittag in Wien auf of­fener Straße Zeuge eines rassis­ti­schen Angriffs, ein etwa 12- bis 13-jäh­ri­ger Bub wurde ver­letzt. Auf Twitter be­rich­tete Michael Bon­va­lot, noch di­rekt vom Tatort, von dem Vor­fall. Im Fol­gen­den geben wir diesen Zeugen­bericht wie­der. Wir dan­ken dem Autor für die freund­liche Ge­neh­mi­gung – und für sein Ein­schrei­ten!

Soeben wurde ich Zeuge eines rassistischen An­griffs auf der Favo­riten­straße in Wien. Auf ein­mal knallt es neben mir. Ein Junge, viel­leicht 12 oder 13, fliegt mit dem Kopf voran ge­gen eine Scheibe. Der Täter, ein Mann um die 40, hat schein­bar ganz selbst­ver­ständ­lich zugeschla­gen und geht danach ein­fach mit seiner Be­glei­terin weiter. Die Freun­din­nen des Buben sind in vol­ler Auf­re­gung, er selbst steht offen­bar unter Schock. Die beiden jungen Frauen sind mit Kinder­wagen unter­wegs. Es dürften Men­schen aus der Min­der­heit der Roma sein. Sie er­zählen has­tig, dass sie nicht ver­stehen, was da gerade pas­siert sei. Der Mann hät­te noch „Scheiß Tschu­schen“ ge­rufen und dann ein­fach zu­geschla­gen. „Tschusch“, das ist eine üble rassis­ti­sche Be­schimpfung in Wien.

Der Täter hat al­ler­dings einen Feh­ler ge­macht. Ganz ruhig setzt er sich – schein­bar außer Sicht­weite – auf eine Bank. Dort sehe ich ihn und rufe die Polizei. Ich be­obachte ihn, falls er flüchten will. Für den ver­letz­ten Buben kommt inzwi­schen die Rettung. Als die Polizei ein­trifft, sitzt der Typ im­mer noch auf der Bank. Als er sieht, dass ich ihn gerade identifi­ziere, kommt er ganz ruhig auf uns zu und ver­sucht, den Angriff zu re­la­ti­vie­ren. Der Täter wirkt dabei über­legt, das war nicht nur eine Tat im Affekt.

Ich stelle mich inzwischen als Zeuge zur Ver­fügung. Ich gehe auch davon aus, dass es zu einem Gerichts­ver­fah­ren kommt. Dass der Täter ge­schnappt wurde, dass Um­ste­hende ein­ge­grif­fen haben, macht den An­griff auf den Buben um nichts besser. Doch wir dürfen sol­che Typen auch nicht davon­kom­men lassen.

P.S.: Ich und andere sind natürlich sofort da­zwischenge­gan­gen und haben den Buben ge­schützt. Als dann „Er­wach­sene“ ein­geschrit­ten sind, hat der Täter es vor­ge­zogen, ab­zu­ziehen.


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