Wittgenstein-Preis für Ursula Hemetek
Juni 20th, 2018 | Published in Ehrungen & Nachrufe, Musik, Wissenschaft
Roma-Service gratuliert der Wiener Ethnomusikologin Ursula Hemetek zur Auszeichnung mit dem Wittgenstein-Preis, dem wichtigsten und höchstdotierten Wissenschaftspreis in Österreich.
mdw: Für ihre herausragenden Leistungen im Bereich Minderheitenforschung in der Ethnomusikologie erhält die Professorin und Institutsleiterin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) Ursula Hemetek die renommierte wissenschaftliche Auszeichnung. Mit ihr erhält auch der Informatiker und Mathematiker Herbert Edelsbrunner (IST) den Wissenschaftspreis.
Ursula Hemetek: „Ich finde es wunderbar, dass durch diesen Preis einerseits das Fach Ethnomusikologie Anerkennung findet, ebenso wie die Forschung zu Minderheiten in diesem Fach. Ich habe mich sehr früh in meiner Karriere dafür entschieden, mich mit der Musik von marginalisierten Gruppen zu beschäftigen, und es wurde daraus ein Lebensthema. Es ist ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema, denn es geht um Menschen, die Diskriminierung erfahren, und die Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Musizierenden ist in der Ethnomusikologie durch die Methode der Feldforschung sehr eng. Die Forschung soll zur Schaffung einer gerechteren Gesellschaft mit den Mitteln der Musik beitragen.“
Die Forschungsschwerpunkte von Ursula Hemetek sind Musik von Minderheiten in Österreich, insbesondere Roma, burgenländische KroatInnen, MigrantInnen und Flüchtlinge. Applied ethnomusicology ist ein wesentlicher methodischer Ansatz.
Sie lehrt seit 1992 an der mdw, seit 2011 leitet sie das Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universität. Darüber hinaus ist sie seit 2017 Generalsekretärin des „International Council for Traditional Music“ (ICTM), der zentralen internationalen Organisation der Ethnomusikologie weltweit. Mit ihrem Preisgeld plant Ursula Hemetek die Errichtung eines Forschungszentrums an der mdw.
FWF: Mit Ursula Hemetek reüssierte erstmals seit Bestehen des Wittgenstein-Preises 1996 eine Wissenschaftlerin einer Kunstuniversität. Ursula Hemetek ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im derzeitigen internationalen ethnomusikologischen Diskurs. Ihre Reputation beruht insbesondere auf ihrer Pionierrolle in der Schaffung eines neuen Feldes innerhalb des Faches: der Minderheitenforschung. Ihr Einfluss in der Entwicklung von Zugängen, Methoden und Theorien in der Erforschung marginalisierter Gruppen und ihrer Musik wirkte auf das Fach an sich zurück. Durch die Etablierung einer internationalen Studiengruppe konnten diese Diskurse international wirksam werden. Ihre Wahl zur Generalsekretärin der größten internationalen Vereinigung des Faches (International Council for Traditional Music) im Jahr 2017 unterstreicht ihre richtungsweisende Position in der Ethnomusikologie.
Für Ursula Hemetek ist Ethnomusikologie eine partizipative Wissenschaft mit gesellschaftspolitischer Verantwortung. Deshalb ist geplant, mit dem Wittgenstein-Preis ein internationales Forschungszentrum für ethnomusikologische Minderheitenforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zu gründen. Dieses soll der Nachhaltigkeit verpflichtet sein – und Nachhaltigkeit in der Wissenschaft bedeutet u.a. Nachwuchsförderung. Die Ansiedlung an einer Universität ist ein weiterer Faktor, der Nachhaltigkeit garantieren soll. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unterschiedlichen Stadien ihrer wissenschaftlichen Karriere aus verschiedenen Teilen der Welt können so ihre Themen und Forschungsprojekte einbringen und gemeinsam an der Weiterentwicklung der Minderheitenforschung in der Ethnomusikologie sowie an Modellen der gesellschaftspolitischen Anwendung arbeiten und somit die Macht der Musik für die Umsetzung einer gerechteren Gesellschaft nutzen.