„Österreich“ konstruiert „Bettelbande“
April 18th, 2017 | Published in Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Als Herr Georgiev am 3. April die Zeitung „Österreich“ öffnete, traute er seinen Augen nicht: Der Bulgare wird als Mitglied einer „rumänischen Bettlerbande“ dargestellt. „Niemand hat mit mir gesprochen. Man hat mich heimlich von hinten fotografiert.“ Herr Georgiev bat Straßensozialarbeiter von „Wieder wohnen“ um Hilfe, die ihn an die Rechtsberatung der BettelLobbyWien verwiesen: „Ich kann es nicht zulassen, dass man mich hier darstellt, als würde ich für einen Boss arbeiten. Ich bin alleine hier und habe immer nur für mich selbst gebettelt.“ Viele Menschen in Floridsdorf werden ihn auf dem Foto erkennen, so seine Befürchtung, denn er ist der einzige Bettler im Rollstuhl mit einer blauen Jacke. Herr Gevorgiev möchte prüfen, ob er rechtlich gegen die Zeitung vorgehen kann.
Der 30-jährige Bulgare ist seit mehr als zwei Jahren in Österreich. Er sitzt nach einer medizinischen Fehlbehandlung im Rollstuhl. Seit seinem 14. Lebensjahr arbeitete er in Bulgarien am Bau, seit seiner Erkrankung vor ein paar Jahren ist er arbeitsunfähig. Die staatliche Unterstützung in Bulgarien reicht nicht zum Überleben, geschweige denn für die Selbstbehalte im Krankenhaus. In Wien schläft er zurzeit in einer Notschlafstelle der Caritas. Zum Bettelplatz nach Floridsdorf kann er selbst fahren, denn „Wien ist gut vorbereitet für Rollstuhlfahrer, es gibt Aufzüge und Rampen und hilfsbereite Menschen“.
Die anderen Männer, die als Mitglieder der „Bettelbande“ dargestellt werden, kennt Herr Georgiev flüchtig. Jener, der als „Kapo der Bande“ bezeichnet wird, verkauft Straßenzeitungen. Einen anderen kennt Herr Georgiev von der Notschlafstelle. Eine „organisierte rumänische Bettelbande“ hat Herr Georgiev in Floridsdorf nicht bemerkt.
Am 4. April feiert die Zeitung „Österreich“ die verbreitete Unwahrheit mit folgendem Titel: „Nach ,Österreich’-Enthüllung: SPÖ ruft zum Bettler-Gipfel in Floridsdorf“. Die Mediengruppe „Österreich“ wurde letztes Jahr wegen eines sehr ähnlichen Falles vom Handelsgericht Wien (bestätigt vom Oberlandesgericht Wien) verpflichtet, einem unserer Klienten Schadenersatz zu bezahlen und es in Hinkunft zu unterlassen, dass das aufgenommene Foto im Zusammenhang mit Geschichten über vermeintliche Bettelbanden und dergleichen verwendet wird. Gelernt hat „Österreich“ aus dieser Sache anscheinend nichts.
(Text und Video: BettelLobbyWien)