Petition: Bleiberecht für Roma in Deutschland

November 28th, 2016  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Petition des BundesRomaVerbands (BRV )Im Folgenden eine Petition des Bundes-Roma-Verband e.V. an die deutsche Bundes­regie­rung und die In­nen­mi­nis­ter der Län­der. Rund 50 Orga­ni­sa­tio­nen haben den Aufruf mit­un­ter­zeichnet. >>Zur Petition

Endlich eine Lösung für Generationen finden: Bleiberecht für Roma in Deutschland


Das Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Roma und Sinti Europas in Berlin erinnert an Ver­fol­gung und Ver­nich­tung, an Über­leben und Depor­ta­tion. Dort ver­sam­mel­ten sich im Mai 2016 etwa 50 Romnja und Roma, um gegen die ihnen dro­hen­den Abschie­bun­gen und die struk­tu­relle Dis­kri­mi­nie­rung, soziale und poli­ti­sche Aus­gren­zung zu pro­tes­tie­ren.

Nachts wurde die Versammlung am Mahnmal gewaltsam von der Polizei ge­räumt. Weder in den als sicher ein­gestuften Her­kunfts­staaten noch in Deutsch­land fin­den Roma einen Ort, an dem ihnen ein Leben in Würde mög­lich ist. Das Wort Depor­ta­tion ist heute mit der Praxis der nächt­li­chen un­an­ge­kün­dig­ten Ab­schie­bun­gen in existen­tiel­le Un­sicher­heit und Ver­fol­gung in den Sprach­gebrauch der Roma zu­rück­ge­langt. Alle zu­letzt be­schlos­se­nen Ver­schär­fun­gen des Asyl- und Auf­ent­halts­rechts wir­ken sich auf die Situa­tion von Roma in Deutsch­land als dra­ma­ti­sche Ver­schlech­te­rung aus.

„Viele von uns, auch kleine Kinder und Jugendliche, leben in stän­di­ger Angst vor staat­li­chen Or­ga­nen und müs­sen sich, wenn die Abschie­bung droht, auch in Deutsch­land im Unter­grund auf­hal­ten. Das be­deu­tet kein Zu­gang zu ärzt­li­cher Ver­sor­gung, zu Bildung, Arbeit, Wohn­raum und öf­fent­li­chem Leben. Grund- und Men­schen­rechte bleiben uns ver­wehrt, unsere Würde wird uns ent­rissen. Diese per­ma­nente Ent­rech­tung zemen­tiert sowohl gesell­schaft­lich wie auch staat­licher­seits einen Zu­stand, aus dem wir alleine nicht heraus­fin­den sol­len“, so das Fazit der seit den Kriegen in Jugosla­wien in Un­sicher­heit und Angst leben­den Romnja und Roma.

Roma sind nirgendwo sicher. In den Ländern des ehe­mali­gen Jugosla­wiens haben sie keine Rechte, selbst wenn von der Bundes­republik und den jewei­li­gen Regie­run­gen ent­sprechende Verein­ba­run­gen getrof­fen wer­den. Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien sind, auch nach ihrer Ein­stu­fung im deut­schen Recht als „sichere Herkunfts­staaten“, für Roma nicht sicher. Damit wird ihnen jeg­liche Chance auf eine An­er­ken­nung als Flücht­ling ge­nom­men. Die Rege­lung der „siche­ren Herkunfts­staaten“ kommt für Roma einer Ab­schaf­fung des Asyl­rechts gleich.

Nahezu allen Roma in diesen Ländern bleibt nicht nur der Zu­gang zum Arbeits­markt ver­wehrt, son­dern auch jede Teil­habe am gesell­schaft­li­chen Leben. Nach Er­kennt­nis­sen aller inter­natio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen – ob Europarat, OSZE, Re­cher­che­grup­pe, Roma Anti­discrimi­na­tion Network, Pro Asyl oder Gesell­schaft für bedrohte Völker (GfbV) etc. – ist die Lage der Roma in der Region hoff­nungs­los. Durch den star­ken Rassis­mus gegen Roma in Serbien und Mazedonien leben viele Roma in selbst ge­zim­mer­ten Ba­racken in in­for­mel­len Sied­lun­gen, oft ohne flie­ßen­des Wasser oder An­schluss an jede Art of­fi­ziel­ler Infra­struk­tur. Roma wer­den nicht ein­gestellt, finden im Krank­heits­fall kaum kosten­lose medi­zi­ni­sche Hilfe. Die Kosten für medi­zi­ni­sche Grund­ver­sor­gung im Kosovo müs­sen nach Recher­chen von An­wält*innen, Ärzt*in­nen und Jour­na­list*in­nen in Zusam­men­arbeit mit dem Blei­be­rechts­netzwerk „alle blei­ben“ auch von An­gehöri­gen der Mehr­heits­gesell­schaft über­nommen wer­den – die Roma trifft das aber umso härter, weil sie kei­nen Zu­gang zum Arbeits­markt und infolge­dessen auch kein Ein­kommen zur Ver­fü­gung haben. Fälle, in denen selbst Roma-Kin­dern mit chro­ni­schen Er­kran­kun­gen, die an sich staat­lich garan­tierte kosten­lose medi­zi­nische Ver­sor­gung ver­wei­gert wird, sind mör­de­risch und führen zu einer dras­tisch er­höh­ten Kinder­sterb­lich­keit.

Immer wieder werden Roma Ziel von nationalis­ti­schen An­griffen. Schul­besuch ist für die Kinder kaum mög­lich, wenn öffent­lich zu Gewalt gegen die Minder­heit auf­ge­ru­fen wird. Nicht nur die neo­nazistische Srbska Akcija (Serbi­sche Aktion) ver­herr­lichte die Bedro­hung und Ver­trei­bung der Roma. Aus Maze­donien berich­tet das Helsinki-Komitee von rassis­tischen An­griffen, nach denen häufig die Opfer und nicht die Täter Schwie­rig­kei­ten be­kom­men. Fälle, in denen An­ge­hö­rige des Polizei­appa­ra­tes an­gezeigt waren, wur­den mit Er­pres­sung und Druck be­ant­wor­tet, so dass die An­zeigen zurück­gezo­gen wur­den. An den Grenzen kommt es zu ethni­schem Screening, in­folge dessen Roma an der Ausreise ge­hin­dert werden.

Die wirtschaftliche Lage in den exjugoslawischen Ländern ist so problematisch, dass häufig auch die Armen der Mehrheitsgesellschaften unter dem Existenzminimum leben. Die Roma, von denen auch nach über fünfzehn Jahren noch viele als unregistrierte Binnenflüchtlinge ein Schattendasein führen, haben keine Chance, sich ihrem wirtschaftlichen Vorkriegszustand auch nur anzunähern. Wenn die Familien Häuser hatten, wurden diese entweder zerstört oder von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft zwangsenteignet. Nach der NATO-Intervention im Kosovo-Krieg 1999 wurden 120.000 der vormals rund 150.000 Roma, Aschkali und Kosovo-Ägypter von nationalistischen Albanern mit Gewalt aus dem Land vertrieben: 14.000 der rund 19.000 Häuser wurden zerstört, 70 von 75 Stadtteilen und Dörfern dem Erdboden gleichgemacht – vor den Augen der internationalen Truppen.

Die hiesige Annahme, dass Roma Entwicklungshilfe zukommt, schlägt fehl. Die Korruption hindert die ohnehin fragwürdigen Vereinbarungen. Es ist eines Rechtsstaates unwürdig, mit Politiker*innen zu verhandeln, die schon in Zeiten der Vertreibungen von Roma aus dem Kosovo 1999/2000 an Krieg und Korruption beteiligt waren.

Im EU-Erweiterungsprozess werden den Staaten, die den Beitritt in die Europäische Union anstreben, nicht etwa Bedingungen gesetzt, die die Ausgrenzung der Roma beenden. Vielmehr verstärkt der auf die Staaten ausgeübte Druck, abgeschobene Minderheitenangehörige zurücknehmen oder überhaupt erst an der Ausreise zu hindern, die Ausgrenzung und Verfolgung der Roma zusätzlich.

Durch den aktuellen politischen Rechtsruck in Europa wird die Diskriminierung von Roma verstärkt, ihre Ausgrenzung durch rassistisch-nationalistische Ideologien massenwirksam legitimiert.

Es gibt rechtliche Regelungen, die es ermöglichen, die Schutzbedürftigkeit von Roma anzuerkennen. Doch internationale Vereinbarungen werden nicht umgesetzt. Die Genfer Flüchtlingskonvention wird ausgehebelt und Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsländern nicht als solche anerkannt. In anderen europäischen Staaten sind die Anerkennungsquoten deutlich höher. Die Einstufung der Balkanländer als „sicher“ entspricht nicht nur in keinster Weise der Realität. Sie stellt auch einen verfehlten Versuch dar, dem Einfluss rechtspopulistischer Kräfte zu entsprechen. Diese Politik bedient rassistische Stereotype, sie legitimiert und schürt rassistische Ressentiments und Gewalt.

Eine andere rechtliche Möglichkeit wäre, vor dem Hintergrund der historischen Verantwortung, Roma als Kontingentflüchtlinge in Deutschland anzuerkennen. Über zweihunderttausend Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sind nach 1990 nach Deutschland gekommen, seit ihre Aufnahme, erst von der letzten DDR-Regierung und dann gemäß des Einigungsvertrages auch von der Bundesregierung, beschlossen wurde. Selbstverständlich ergibt sich aus der historischen Verantwortung gegenüber den Opfern des Holocausts und deren Nachfahren, dass ihnen Schutz vor Verfolgung gewährt wird. Es geht uns nicht darum, Unrecht zu vergleichen. Doch einer perfiden Doppelmoral folgend, ist es in der Bundesrepublik immer noch möglich, Roma, die Schutz vor Verfolgung und Ausgrenzung suchen, in eine Situation der absoluten Perspektivlosigkeit zu deportieren.

Der Paragraf 23 Aufenthaltsgesetz räumt dem Bundesinnenministerium des Innern und den obersten Landesbehörden das Recht ein, Roma als einer bestimmten Gruppe dieses Aufenthaltsrecht zu gewähren. Im Rahmen einer Gleichbehandlung mit den Jüdinnen und Juden aus Osteuropa muss Roma durch Ministererlass ein solches Aufenthaltsrecht gewährt werden.

Wir fordern die Bundesregierung dazu auf, die Einstufung von Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien als „sichere Herkunftsstaaten“ zurückzunehmen!

Wir fordern ein bedingungsloses Einreise- und uneingeschränktes Bleiberecht für Roma!

Wir fordern einen sofortigen Abschiebestopp. Jetzt – und für immer!


Weiterführendes Material:

Abgeschobene Roma in Mazedonien – Juristische, journalistische und medizinische Recherchen (2015):
http://www.fluechtlingsrat-bremen.de/2015/10/recherchebericht-mazedonien-erschienen/

Abgeschobene Roma im Kosovo – Journalistische, juristische und medizinische Recherche (2014):
http://www.alle-bleiben.info/wp-content/uploads/2014/12/kosovo_web.pdf
http://www.alle-bleiben.info/wp-content/uploads/2014/03/serbien_2013_web.pdf

Norman Paech: Verfassungswidrigkeit des Gesetzes über sichere Herkunftsstaaten; Rechtsgutachten für die Europäische Rom und Sinti Union / 24. Mai 2015:
http://norman-paech.de/app/download/5801438345/VB-Einstufungsgesetz-final.pdf

Dr. Karin Waringo: Serbien – ein sicherer Herkunftsstaat von Asylsuchenden in Deutschland? Eine Auswertung von Quellen zur Menschenrechtssituation:
https://www.proasyl.de/wp-content/uploads/2014/04/Serbien_kein_sicherer_Herkunftsstaat.pdf


Bundes Roma Verband e.V.

Roma Center Göttingen e.V.

Initiative Alle Bleiben

Romano Drom e.V. Magdeburg

Roma Thüringen

Romano Sumnal e.V.

Initiative Rromnja

Roma Art in Aktion e.V. Essen

Roma Trial e.V.

Romano Achipe Hamburg

Rroma Informations Centrum e.V.

Förderverein Roma e.V. Frankfurt

Amaro Drom e.V.

Amaro Foro e.V.

Terno Drom e.V.

Roma Aether Klub Theater

Romano Jekipe Hamburg

Roma Initiative Kiel

Roma Antidiscrimination Network RAN

Boat People projekt

Wakti Romano e.V. Northeim

Europäisches Zentrum für Antiziganismusforschung e.V.

Bildungsverein der Roma zu Hamburg e.V.

Gruppe gegen Antiromaismus Dresden

Flüchtlingsrat Berlin e.V.

Flüchtlingsrat Brandenburg e.V.

Flüchtlingsrat Thüringen e.V.

Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.

Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V.

Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V.

Flüchtlingsrat NRW e.V.

Flüchtlingsrat Hamburg e.V.

Flüchtlingsrat Bremen e.V.

Flüchtlingsrat Baden-Württemberg e.V.

Berliner VVN-BdA e.V.

VVN-BdA Landesvereinigung Hamburg

Hilfsstelle für ev. Pfarrer e.V.

GfbV International e.V.

Freiburger Forum aktiv gegen Ausgrenzun

Aktion Bleiberecht Freiburg

Antirassistische Initiative Berlin e.V.

Ulla Jelpke, MdB Fraktion DIE LINKE.

Moabit hilft e.V.

Institut für angewandte Kulturforschung e.V.

Schlüsselmensch e.V.

Opferperspektive e.V.

KOMKAR e.V.

GrünBau GmbH

Jugendkulturinitiative Schwäbisch Gmünd e.v.

ijgd – Jugendbauhütte NRW

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