Polen: Roma-Gedenkstätte geschändet
April 29th, 2016 | Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte | 1 Comment
Im südpolnischen Borzęcin Dolny unweit von Krakau wurde eine Holocaustgedenkstätte von unbekannten Tätern geschändet. Entdeckt wurde die Zerstörung des hölzernen Denkmals am vergangenen Freitag. Das Mahnmal erinnert an den nationalsozialistischen Genozid an den Roma. Die Polizei ermittelt.
Das Denkmal war – offenbar mit einer Axt – von seinem Betonsockel geschlagen und zerstört worden. Eine Gedenktafel, die an dem Denkmal befestigt war, wurde ebenfalls heruntergeschlagen. Die Inschrift, die auch einige Verse der Roma-Dichterin Papusza (Bronisława Wajs) enthielt, verwies auf die Massenerschießung von Roma durch die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs. Das Monument wurde an genau der Stelle in einem Waldstück errichtet, wo im Juli 1943 29 polnische Roma ermordet worden waren: 3 Männer, 5 Frauen und 21 Kinder aus den Familien Majewski, Kwiatkowski, Chmielewski und Cioroń. Die Überreste der am Ort des Massakers verscharrten Opfer waren bereits 1959 exhumiert und in einem gemeinsamen Grab am Friedhof in Borzęcin Dolny bestattet worden.
„Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was ich jetzt fühle“, erklärt die polnische Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas, die, selbst Romni, das Mahnmal gestaltet hatte. „So etwas kann nur jemand tun, der jeden Respekt gegenüber anderen, gegenüber der Geschichte, dem Gedenken und uns Roma verloren hat. Jemand will uns wohl zu verstehen geben, dass wir nicht zählen.“
Die Initiatoren des Denkmals sind überzeugt, dass man es hier mit einem systematischen, organisierten Vorgehen zu tun hat: „Das war nicht einfach irgendeine zufällige Person. Um eine solche Zerstörung hervorzurufen, waren mehrere Täter nötig, denn das Denkmal war mit vier Metallstäben fest am Sockel verankert“, betont der Romaexperte Adam Bartosz vom Regionalmuseum in Tarnów, das die Errichtung der Gedenkstätte mitinitiiert hatte.
Das Denkmal war im Juli 2011 im Rahmen des „International Roma Caravan Memorial“ (Międzynarodowy Tabor Pamięci Romów) und in Anwesenheit des deutschen Generalkonsuls in Krakau eingeweiht worden. In Borzęcin Dolny stieß das Mahnmal laut Presseberichten nie auf Ablehnung; Einwohner aus der nahen Stadt hätten vielmehr sogar regelmäßig Blumen und Kerzen gebracht.
(dROMa)
Mai 15th, 2016 at 07:02 (#)
[...] Der Vorfall steht in einer Reihe mit den massiv zunehmenden rassistischen Attacken und Angriffen auf LGBT-Einrichtungen in Polen in den vergangenen Monaten, bei denen die Polizei immer wieder durch ihre Passivität auffällt. Dass die PiS-Regierung zuletzt erst den Rat zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung liquidiert hat und signalisiert, dass es in Polen kein Rassismus-Problem gebe, ergänzt dieses Muster. Im Rahmen der andauernden nationalistischen und rassistischen Mobilisierung in der polnischen Öffentlichkeit sind zwar die Flüchtlinge und der Islam das zentrale Feindbild. Gleichzeitig richten sich die Feindschaft und die vielen Angriffe gegen sämtliche als anders und abweichend definierte Gruppen. Dazu gehören insbesondere auch die Roma, von denen etwa 30.000 in Polen leben und die sich wie im Falle des südpolnischen Limanowa lokalen rassistischen Hetzkampagnen und behördlichen Repressionen ausgesetzt sehen. Auch ein Denkmal für die Ermordung von Roma im Nationalsozialismus in Borzęcin wurde im vergangenen Monat zerstört. (dROMa-Blog berichtete) [...]