Jelena: „An einem seidenen Faden“
November 11th, 2015 | Published in Interview, Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte

„Das haben wir nicht verdient“: Die Angst der Roma-Flüchtlingskinder vor Abschiebung (Teil III)
GfbV Berlin: Der Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland wird für dieses Jahr auf 800.000 geschätzt. Um Platz für sie zu schaffen, sollen vor allem Roma aus dem Kosovo abgeschoben werden. Darunter Hunderte Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Doch was bedeutet das für die Flüchtlingskinder? Wir lassen fünf von ihnen zu Wort kommen:
Jelena*: „Unsere Zukunft hängt an einem seidenen Faden“
Unsere Großfamilie, unsere Großeltern, Eltern und Geschwister sowie unsere zwei Onkel mit deren Ehefrauen kamen 1999 aus dem Kosovo nach Deutschland. Wir leben nun schon seit 15 Jahren in Göttingen. Unser Großvater erzählte oft, dass wir in Lipljan ein schönes Haus hatten. Niemand hätte geahnt, dass es zum Krieg kommen würde. Doch der Krieg brach aus und unsere Großfamilie kam nach Deutschland. Inzwischen sind wir drei Ehepaare und 19 Kinder. Unsere Oma wohnt bei uns. Der Großvater ist letztes Jahr gestorben. Meine Schwester war noch Baby, als unsere Familie flüchtete. Wir anderen Kinder sind in Deutschland geboren. Aufgewachsen sind wir alle hier. Deutsch ist unsere Muttersprache. Wir sprechen zu Hause auch Romanes, aber untereinander und mit unseren Freunden reden wir auf Deutsch.
Wir sind dankbar, dass wir hier leben dürfen. Wir sind in Vereinen und machen bei Theaterprojekten mit. Unsere Eltern haben es leider schwer, eine Arbeit zu finden. Ihnen fehlt die richtige Qualifizierung. Nach vielen Ablehnungen sind sie deprimiert und unglücklich. Unser seit Jahren ungelöster rechtlicher Status macht unsere Eltern und uns auch kaputt. Momentan haben wir eine Duldung bis Ende September. Unsere Zukunft hängt wirklich an einem seidenen Faden. Jahrelang haben die Behörden bereits Druck auf unsere Familien ausgeübt, haben uns verängstigt und wollten uns aus dem Land jagen. Man will uns aus unserem vertrauten Umfeld herausreißen und in ein fremdes Land ins Elend schicken. Das wäre eine Bestrafung für uns. Und das haben wir nicht verdient!
*Name von der Redaktion geändert. Die richtigen Namen und vollständigen Aussagen der Flüchtlingskinder liegen uns vor.
(Text: gfbvberlin.wordpress.com)