Bulgarien: Wahlkampfhetze gegen Roma
Oktober 3rd, 2014 | Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte
Bulgarien steht vor vorgezogenen Neuwahlen. Im Wahlkampf für die am 5. Oktober stattfindenden Parlamentswahlen setzen diesmal gleich mehrere rechte Parteien auf Hetze gegen die Roma-Minderheit des Landes. Kein neues Phänomen: Schon im Herbst 2011 – unmittelbar vor den Präsidentschaftswahlen – kam es nach einem tragischen Vorfall im Ort Katunitsa in mehreren bulgarischen Städten zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die Roma-Bevölkerung. Und vor eineinhalb Jahren warnt eine Reihe von Menschenrechts-Organisationen in einer gemeinsamen Aussendung vor einer gefährlichen Radikalisierung der rassistischen Stimmungsmache im damaligen Wahlkampf.
Nationale Front für die Rettung Bulgariens
Die Nationale Front für die Rettung Bulgariens (NFSB – Национален фронт за спасение на България), entstanden 2011 aus einer Abspaltung von der führenden rechtsextremen Partei Ataka, stellte ihren Wählern schon vor einem Jahr die ethnische Säuberung des Landes von den Roma in Aussicht (pdf): Die Roma sollten in abgegrenzten Roma-„Ghettos“, in verlassenen Gegenden und entfernt von den Wohngegenden der Nicht-Roma, zusammengefasst werden. Die Roma sollten in diesen neu zu errichtenden Siedlungen ständig von der Polizei überwacht werden. Eines Tages, so die Partei, könnten diese „Ghettos“ sogar wie die „Reservate“ der amerikanischen Ureinwohner zu touristischen Attraktionen werden. Wie in Kapitel 7 des NFSB-Parteiprogramms („Behandlung der ethnischen Gemeinschaften“) festgehalten ist, sieht die Partei in der Existenz anderer Ethnien in Bulgarien eine Bedrohung der nationalen Identität. Die Partei will darüber hinaus Kindern aus Roma-Familien, die nicht Bulgarisch sprechen, den Zugang zu öffentlichen Schulen verwehren.
Bei den letzten nationalen Wahlen im Mai 2013 landete die NFSB hinter Ataka auf dem fünften Platz, verfehlte mit 3,7% der Stimmen jedoch knapp den Einzug ins Parlament. NFSB erhält dennoch rund 640.000 EUR pro Jahr an staatlicher Parteienförderung. Im Stadtrat von Burgas stellt die Partei sogar die zweitstärkste Kraft.
Bulgarische Nationalbewegung
Eine weitere Rechtspartei, die Bulgarische Nationalbewegung (VMRO – ВМРО/Българско Национално Движение), mit der NFSB ein Wahlbündnis (Patriotische Front) vereinbart hat, fordert in ihrem Programm die „Lösung der Zigeunerfrage“ durch Zwangsarbeit für Roma. Das Programm sieht auch die Aufstellung von von paramilitärischen „Bürgerwehren“ („Freiwilligen-Patrouillen zum Schutz der bulgarischen Bevölkerung“ ) vor.
Bei den Parlamentswahlen 2013 erreichte VMRO zwar lediglich 1,9 Prozent; das Wahlbündnis, dem sich die Partei für die EU-Wahlen angeschlossen hatte, erzielte 2014 jedoch 10,7%. VMRO selbst stellt somit derzeit einen EU-Abgeordneten. Auf europäischer Ebene gehört die Partei, gemeinsam mit den britischen Konservativen oder der Alternative für Deutschland der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR) an.
Ataka
Die nach wie vor bestimmende Kraft in der zersplitterten extremen Rechten Bulgariens ist die 2005 gegründete Partei Ataka, von deren Unterstützung die bisherige Minderheitsregierung abhing. Ataka hetzte in den vergangenen Jahren nicht nur gegen Juden und Türken (im Mai 2011 überfielen Ataka-Anhänger betende Muslime in der Moschee in Sofia), sondern auch vehement gegen Roma. Mit Parolen wie „Stopp dem Zigeuner-Terror“, „Gebt Bulgarien den Bulgaren zurück“, „Türken und Roma raus!“ oder „Arbeitslager für verurteilte Zigeuner“ sorgt Ataka immer wieder für landesweite Schlagzeilen. Im Europäischen Parlament verursachte der Ataka-Politiker Dimitar Stojanow im Oktober 2006 einen Skandal, als er die ungarische Roma-Abgeordnete Lívia Járóka als Prostituierte beschimpfte.
Derzeit ist Ataka mit einem Ergebnis von 7,3% nur noch mit 23 Abgeordneten im Parlament vertreten. Bei den jüngsten EU-Wahlen stürzte die Partei von 12,0% (2009) auf 3,0% (2014) ab und verlor ihre zwei EU-Abgeordneten. Wie groß das Potenzial rechtsextremer Parteien und Kandidaten in Bulgarien jedoch ist, zeigte sich bei der Präsidentenwahl 2006: Damals erzielte der Ataka-Kandidat Siderow spektakuläre 27 Prozent der Stimmen.
Justiz bleibt tatenlos
Die Justiz sieht in den Programmen und Äußerungen der genannten Parteien keinen Aufruf zu Diskriminierung, Hass oder Gewalt gegen Roma. Die Staatsanwaltschaft in Sofia lehnte die Einleitung von Ermittlungen gegen die Nationale Front ab; auch gegen die Forderung nach segregierten „Lagern“ für Roma, das Bulgarische Helsinki-Komitee spricht von „concentration camps“ , sei nichts einzuwenden. In einer Stellungnahme der Staatsanwaltschaft heißt es: „Extreme Maßnahmen – wie die Isolierung der Roma-Population – sind für Personen vorgesehen, die sich weigern, sich zu integrieren.“
(R. Urbaner/dROMa)