Kosovo: Lager hochgradig verseucht

Juni 23rd, 2009  |  Published in Dokumente & Berichte, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte  |  3 Comments

Flüchtlingslager Osterode/Mitrovica (Foto: Europarat)Für morgen ist die Veröffentlichung eines Berichts von Human Rights Watch angekündigt, der die Lage in den schwer bleiverseuchten Roma-Flüchtlingslagern in Mitrovica im nördlichen Kosovo dokumentiert – einen Fall, der seinen Anfang vor zehn Jahren nahm, nachdem ein ganzes Stadtviertel mit 8000 Einwohnern geplündert und niedergebrannt worden war. Isabel Fonseca hat die Dokumentation der Autorin Troszczynska-Van Genderen offenbar bereits vorliegen und fasst in der heutigen Frankfurter Rundschau (und auf Englisch im „Oberserver“) die erschütternde Essenz des Berichts zusammen: „Die Lager wurden von den Vereinten Nationen errichtet, und die Vereinten Nationen tragen zusammen mit den Behörden im Kosovo die Verantwortung für diese Menschen, eine Verantwortung, der sie sich bewusst entziehen.“ Trotz einer „Serie von unnatürlichen Todesfällen, Fehlgeburten und unzähligen neugeborenen Kindern mit schweren Hirnschäden“ wurde seit 2007 die medizinische Versorgung der Vergifteten eingestellt.

(…) Die Kosovo-Truppe hat bei der Vernichtung der Siedlung nicht eingegriffen, aber die Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen reagierte mit schneller Hilfe für die obdachlos gewordenen Menschen und versorgte sie mit Essen und Unterkunft, bis ihre Behausungen wieder bewohnbar waren. Diese provisorischen Unterkünfte befanden sich jedoch (mit Ausnahme von einem Lager, das in einer alten jugoslawischen Militärkaserne 45 Kilometer entfernt eingerichtet worden war) in der Nähe einer alten Bleimine, gleich neben einem haushohen „schwarzen Hügel“, der toxischen Abraumhalde der Mine, einem Ort also, der laut Troszczynska Van Genderen hochgradig verseucht ist. Der stillgelegte Minenkomplex in Trepca war lange Zeit schon berüchtigt für seine hohe Toxizität und deswegen völlig ungeeignet selbst für eine vorübergehende Benutzung. 

Die Nähe zu den Abraumhalden und die schlechten Zustände in den Lagern (dürftige Beheizung und Trinkwasserversorgung, keine durchgehende medizinische Behandlung der Bleivergiftungsfälle, schlechte Nahrungsmittelversorgung – nach Aussage einer örtlichen Krankenschwester nur Brot und Tee) mussten zwangsläufig zu schweren Erkrankungen führen. 2004 fingen Menschenrechtler an, wegen der rapiden Verschlimmerung des Gesundheitszustandes der Lagerbewohner, besonders der Kinder, deren Körper das Blei schneller aufnehmen, zu protestieren. Sie machten Fälle publik von Kindern mit schwarzem oder blutendem Zahnfleisch, Kopfschmerzen, Wachstumsstörungen, hohem Blutdruck, Epilepsie, dauerhaftem Durchfall, Erbrechen, Verwirrung, Krämpfen, hochgradiger Nervosität und Hysterie“.

Jetzt, zehn Jahre nachdem die Vereinten Nationen sich des Kosovos angenommen haben und nach einer Serie von unnatürlichen Todesfällen, Fehlgeburten und unzähligen neugeborenen Kindern mit schweren Hirnschäden (mehr als die Hälfte der Lagerbewohner sind unter zehn Jahre alt; jedes im Lager geborene Kind ist hirngeschädigt) sind noch etwa 700 Roma übrig. Seit 2007 haben die Vereinten Nationen die medizinische Versorgung der Vergiftungsfälle eingestellt. Es werden keine systematischen Bluttests mehr durchgeführt; die wöchentliche Verteilung von Milch, Obst und Gemüse findet ebenfalls nicht mehr statt – obwohl man da vielleicht von Glück reden kann, denn die Bleibelastung liegt beim örtlichen Gemüse 176 Mal höher als der zulässige Höchstwert. (…)

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

Responses

  1. Realität in Europa « sibiuaner.de says:

    Juni 24th, 2009 at 00:05 (#)

    [...] update: dROMa-Blog schreibt heute zum Thema: Kosovo: Lager hochgradig verseucht [...]

  2. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen :: says:

    Juni 24th, 2009 at 09:42 (#)

    [...] hier bereits angekündigte „Human Rights Watch“-Report über die Flüchtlingslager in Mitrovica wurde jetzt der [...]

  3. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Kosovo: Erste Abschiebungen aus Deutschland :: says:

    Juli 12th, 2009 at 10:17 (#)

    [...] wohnen in Lagern wie z. B. jenem nördlich von Mitrovica, das stark durch Blei belastet ist. (vgl. hier und hier) Die Roma können in den meisten Fällen nicht mehr in ihre ursprünglichen Siedlungen und [...]