Zwangsräumungen: Frankreich vor Gericht
Mai 25th, 2014 | Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Menschenrechtsgerichtshof prüft Vertreibungen in Frankreich
Frankreich muss sich wegen seiner Zwangsräumungspolitik gegen Roma vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) in Straßburg verantworten
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. Der Gerichtshof hat vergangene Woche die Beschwerde im Fall „Hirtu u.a. gegen Frankreich“ zugelassen und dem Fall Priorität eingeräumt, ein Vorgehen, das besonders schwerwiegenden Fällen vorbehalten ist. Die Kläger sind rumänische Roma, die – nachdem sie bereits zuvor ihre Unterkünfte durch Zwangsräumungen verloren hatten – im März bzw. April 2013 neuerlich von den Behörden vertrieben wurden. Die meisten von ihnen leben bereits seit mehr als zehn Jahren mit legalem Aufenthaltsstatus in Frankreich.
Die Klage betrifft Art. 3 (Recht auf Schutz vor unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung), Art. 8 (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens und seiner Wohnung) und Art. 13 (Recht auf wirksame Beschwerde) der Menschenrechtskonvention. Die französische Regierung muss nun dem EGMR bis spätestens 16. September 2014 ihre Stellungnahme zukommen lassen. Das European Roma Rights Center (ERRC), das die Kläger unterstützt, rechnet mit einem Abschluss des Verfahrens im kommenden Jahr.
Laut den vom ERRC und der Menschenrechtsliga (LDH) gesammelten Daten wurden allein im Jahr 2013 mehr als 21.537 Roma von den französischen Behörden aus ihren Unterkünften und informellen Camps vertrieben. Damit habe sich die Zahl gegenüber 2012 mehr als verdoppelt. Im laufenden Jahr 2014 zeichnet sich eine weitere Steigerung ab.
Erst vor etwa einem halben Jahr (Winterstein gegen Frankreich, 17. Oktober 2013) war Frankreich von den Straßburger Richtern wegen der Zwangsräumung von Fahrenden (in Frankreich unabhängig von der Ethnie als „gens du voyage“ subsumiert) verurteilt worden. Der Gerichtshof stellte fest, dass die französischen Behörden bei ihrem Vorgehen Art. 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt hatten. Die Räumungen waren ohne Prüfung der Auswirkungen auf die betroffenen Personen angeordnet wurden. Der Fall betraf die bereits 2007 erfolgte Vertreibung von einem Grundstück in Herblay (Val d‘Oise), auf dem die Fahrenden, es handelt sich um französische Staatsbürger, ihre Wohnwagen abgestellt oder seit vielen Jahren in „chalets“ gelebt hatten. Alternative Behausungen waren ihnen nicht angeboten worden.
Siehe auch: Informationsblatt des EGMR über Fälle betreffend Roma und Fahrende (pdf) (unvollständige Übersicht, zuletzt aktualisiert am 5.5.2013)
(Roman Urbaner/dROMa)