Frankreich: „Revolte gegen Roma“
Juli 15th, 2013 | Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte | 1 Comment
Christian Estrosi, Bürgermeister von Nizza und Abgeordneter der konservativen UMP (der 2005 bis 2010, zuletzt als Industrieminister, der Regierung angehörte), hat die Stadtpolitiker Frankreichs zu einer „Revolte gegen Roma und Fahrende“ (Gens du Voyage) aufgerufen. Dies sei nicht weniger als eine Aufforderung zum „Pogrom“ gegen Minderheiten, kommentierte der sozialistische Abgeordnete Rohan Rihan Cypel die Forderung Estrosis: „Man hat den Eindruck, es mit einem Milizsoldaten und nicht einem gewählten Volksvertreter der Republik zu tun zu haben.“ SOS Rassismus hat Estrosi inzwischen wegen Verhetzung („Anstachelung zu Rassenhass“) angezeigt. Ausgangspunkt der drastischen Forderung Estrosis ist ein vergleichsweise banaler, lokaler Streit um ein mit Wohnwägen besetztes Fußballfeld in Nizza. Die Wiener Zeitung schreibt dazu:
Estrosi (…) betonte, dass er Videokameras installiert habe und die Wanderleute (Anm. d Red.: gemeint sind sog. Gens du Voyage) „ständig“ überwache. Er habe vor Gericht die Beschlagnahme der Fahrzeuge der Wanderleute beantragt, um damit die 620.000 Euro zu erhalten, welche die Besetzung des Sportplatzes laut Estrosi an Kosten erzeugt. Estrosi sprach von den „schönen, großen Wohnwagen“, welche die Wanderleute besäßen und für die „die Franzosen manchmal ein Leben lang arbeiten müssen, um sich dieselben leisten zu können“. „Sie werden nicht nur den Sportplatz räumen, sondern zuvor werden sie auch den Schadenersatz zahlen“.
Der konservative Abgeordnete fordert, unerlaubte Roma-Lager polizeilich entfernen zu lassen. Dabei setzt die sozialistische Regierung Sarkozys Politik der Zwangsräumungen ohnedies mit ungebrochener Härte fort. In den letzten Monaten hat sich die Gangart sogar neuerlich verschärft: Im zweiten Quartal 2013 waren laut Angaben der Menschenrechts-NGO ERRC 5.482 Roma von polizeilichen Zwangsräumungen betroffen; in den ersten drei Monaten des Jahres waren es noch 2.883. Zudem wird Roma-Kindern immer wieder die Aufnahme in Schulen verweigert.
Um seine Forderung zu untermauern, zitierte Estrosi ein Rundschreiben des sozialistischen Innenministers Manuel Valls aus dem Vorjahr. Das Innenministerium stellte in einer Aussendung jedoch klar, dass sich das zitierte Schreiben auf informell errichtete „Barackenlager“ am Rand von Staatsstraßen oder Autobahnen bezog; nirgendwo sei von „Roma-Lagern“ die Rede. Man müsse sich vor einer derartigen Vermischung in Acht nehmen „Das Gesetz muss mit Festigkeit angewandt werden, aber ohne eine Bevölkerungsgruppe zu stigmatisieren, ob sie französische oder ausländischer Herkunft ist“, so der Sprecher des Innenministeriums Pierre-Henry Brandet.
„Wenn man irgendwo ein Gesetz verletzt, ist man ein Verbrecher“, so Estrosi und meint Roma, die ungenehmigt Grundstücke belegen. Den permanenten Gesetzesbruch eines großen Teils der französischen Kommunen, der solche lokalen Konflikte erst hervorruft, erwähnt er nicht: Bereits seit 1990 (bzw. erneuert durch die Novellierung im Jahr 2000) sind in Frankreich nämlich alle Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern per Gesetz verpflichtet, Stellplätze mit Wasseranschluss einzurichten. Die Fahrenden müssen dafür Kommunalsteuern zahlen. Sehr viele Gemeinden kommen dieser Verpflichtung jedoch nicht nach. Infolgedessen bleibt vielen Fahrenden gar keine andere Wahl, als ungenehmigt freie Grundstücke zu besetzen
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. Das zuständige Ministerium hat einen Bedarf von 30.000 Stellplätzen in ganz Frankreich errechnet; zur Verfügung stünden jedoch nur 8.000 Plätze. Für die „Gens du Voyage“ gilt zudem eine verschärfte Meldepflicht (alle drei Monate müssen sie sich in einem Polizeikommissariat registrieren lassen.)
In Frankreich wird derzeit heftig über die Politik gegenüber den Angehörigen der Minderheit der Roma diskutiert, die zumeist aus Rumänien und Bulgarien kommen. Innenminister Valls war auch in den eigenen Reihen unter Beschuss geraten, weil ihm vorgeworfen wurde, den harten Kurs der konservativen Vorgängerregierung unter Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (UMP) fortzusetzen. Im Vorjahr waren 12.800 Roma nach Rumänien und Bulgarien ausgewiesen worden, was auf internationaler Ebene und seitens humanitärer Organisationen heftige Kritik auslöste. Die EU-Kommission stellte die französische Politik gegenüber der Minderheit vergangenen Sommer erneut unter Beobachtung. (Wiener Zeitung)
(Text: R. Urbaner / dROMa-Red.)
Juli 23rd, 2013 at 19:12 (#)
[...] verhetzenden Ausfälle französischer Politiker gegen Roma und Sinti finden kein Ende. Das jüngste Beispiel: Gilles Bourdouleix von der [...]