„Reconsidering Roma“ in Berlin
November 24th, 2011 | Published in Kunst & Fotografie, Medien & Presse, Veranstaltungen & Ausstellungen
„Reconsidering Roma“
Zu sehen bis 11. Dezember 2011
im Kunstquartier Bethanien, Berlin
Birgit Schmidt berichtet in der Wochenzeitung Jungle World über die Kunstausstellung, die am 11. November im Kunstquartier Bethanien in Berlin eröffnet wurde: eine Ausstellung, die sich mit kulturellen Zuschreibungen und politischer Repräsentation von Roma beschäftigt.
(…) »To consider« bedeutet »jemanden zur Kenntnis nehmen« oder »beachten«. Warum die Ausstellung und das gleichzeitig erschienene Buch den Titel »Reconsidering Roma« tragen, erschließt sich daher nicht unmittelbar, denn eigentlich wurden sie noch nie so richtig beachtet, zumindest nicht im positiven Sinne, die Roma, die Sinti. (…)
Der im 2003 verstorbene Maler Karl Stojka wurde als Sohn einer (…) Rom-Familie geboren und überlebte wie seine Schwester mehrere Konzentrations- und Vernichtungslager. Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl seiner expressiven, naiven Malerei, mit der er seine Erfahrungen im KZ verarbeitete. Seine Schwester Ceija Stojka, die in ihrem 1988 veröffentlichten Buch »Wir leben im Verborgenen« als eine der ersten auf die Roma-Verfolgung im »Dritten Reich« aufmerksam gemacht hat, ist mit Tuschezeichnungen aus der Serie »Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz« und in einem Videofilm in der Ausstellung vertreten.
In der Mitte des Ausstellungsraumes platziert ist die verstörende Installation der britischen Künstlerin Delaine le Bas, die in vielen ihrer Arbeiten ihre Identität als Roma [Anm.: Romni] reflektiert hat. In einem Stoffpavillon liegen kindsgroße, verschleierte Puppen. Ein Kind wird von einem Spielgefährten mit einer Guillotine enthauptet. »Witch Hunt«, also Hexenjagd, heißt die Arbeit. Die Puppen sind in wild gemusterte oder grell bunte Stoffe gewickelt, Hauben, die an die Mützen des Ku-Klux-Klan erinnern, verbergen ihre Gesichter. Die Puppen strahlen nichts von der Geborgenheit kindlicher Lebenswelten aus, sondern Grausamkeit und Angst. Die Bedrohung erwächst auch aus dem Inneren des Pavillons, der an einen orientalischen Hochzeitsbaldachin erinnert und somit an den Umstand, dass viele Romakinder von ihren Familien dazu angehalten werden, sehr früh zu heiraten, bisweilen sogar vor dem Eintritt der Pubertät.
»Bei uns ist ein Mann König«, sagt Bolek in dem gleichnamigen Video von Tamara Grcic. Mit ihren kurzen Haaren, ihrem Namen und ihrem Auftreten versucht sie, möglichst männlich zu wirken. »Er darf alles machen, aber eine Frau nicht.«
Aber um einen kritischen Blick auf Traditionen und kulturelle Praktiken soll es in der Ausstellung nicht gehen, sondern um Fremdzuschreibungen, Repräsentationen und Klischees. Aber auch um die schlechten Lebensbedingungen, unter denen die meisten Roma nach wie vor zu leben gezwungen sind. Die Fotos von Christoph Wachter, Matthias Jud und Nihad Nino Pušija sprechen in dieser Hinsicht eine beredte Sprache. Und über all dem Elend schwebt die blaue Europaflagge mit dem Schriftzug »Safe European Home?«. Nein, keinesfalls ist Europa eine sichere Heimstatt. Für Roma nicht, für andere Bevölkerungsgruppen auch nicht. (…) Roma gehören zu den am häufigsten von Diskriminierung und Übergriffen bedrohten Menschen. (…)
Die Ausstellung hat den Anspruch, stereotype Sichtweisen auf Sinti und Roma zu entlarven und Bezug zu nehmen auf ihre gegenwärtige Situation in Europa. Die in der Schau vertretenen Roma-Künstler zumindest entsprechen keinem Klischee. Der Fotograf und Journalist Nihad Nino Pušija aus Sarajewo, der aus der BRD ausgewiesene Roma im Kosovo fotografiert hat, lebt seit fast 20 Jahren in Berlin. Daniel Baker, ein in den letzten Jahren bekannt gewordener Künstler aus Großbritannien, der »Verfasser« einer Installation, die sich »Mirrored Books« nennt, ist nicht nur Kind einer English-Gypsie-Familie, sondern auch promovierter Soziologe und Teilnehmer der Biennale. So erfreulich es ist, wenn Menschen erfolgreich sind, so sind sie im Augenblick des künstlerischen Erfolgs nicht mehr nur Teil ihrer Gruppe, sondern auch Teil des Blickes, der sich auf diese richtet. (…)
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