„Aber die Geschichte wirkt nach“
Februar 20th, 2011 | Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Medien & Presse
Alexandra Bader, Journalistin und Herausgeberin von www.ceiberweiber.at, hat im Rahmen einer Veranstaltung in Wien mit Emmerich Gärtner-Horvath gesprochen und dies zum Anlass genommen, in einem ausführlichen Artikel über die Anliegen und Aktivitäten unseres Vereins Roma-Service zu berichten:
Roma sollen sich ihrer Geschichte bewusst werden, gerade auch in der schmerzlichen Zeit des Nationalsozialismus – das ist eines der Anliegen des Roma-Service. Die Organisation tourt mit einem Bus durch das gesamte Burgenland, kommt aber auch in die Steiermark oder nach Wien. Der Bus macht Station, um Roma zu informieren, oder führt zu Veranstaltungen wie der Donaufriedenswelle am 17. Februar 2011 in der Wiener Donaucitykirche. Hier befasste sich einer der Workshops mit der Situation der Roma, und ich hatte Gelegenheit, mit Emmerich Gärtner-Horvath, dem Obmann des Roma-Service zu sprechen.
„Die Generation, die zwischen 1926 und 1930 geboren ist, setzt sich am meisten mit der Vergangenheit auseinander“, sagt er. Seiner Erfahrung nach verdrängen besonders jene Roma, die zwischen 1950 und 1960 geboren wurden. Für sie ist das alles vorbei, vor ihrer Geburt geschehen, also meinen sie, es müsste sie nicht interessieren. „Aber die Geschichte wirkt nach, es gibt Menschen, die nicht wissen, wo ihre Angehörigen gestorben sind, Menschen, denen man die Kinder weggenommen hat, die nie erfahren haben, was aus ihnen wurde.“ Das Roma-Service kommt in Schulen und spricht mit den 16-, 17-Jährigen, „die dann nach Hause gehen, und da serviert man ihnen eine andere Wahrheit. Wem sollen sie dann glauben, dem Mann, der ihnen etwas erzählt hat, oder ihren Eltern, denen sie vertrauen?!“
Es wäre gut, wenn es Veranstaltungen in Schulen gäbe, die sich an Eltern und Kinder wenden, oder wenn man die Jugendlichen in ihrer Auseinandersetzung begleiten kann. Die Verdrängung der NS-Zeit ist natürlich kein Spezifikum von Roma-Familien, oft müssen Eltern oder Großeltern erst sterben, damit man sich etwa mit erhaltenen Briefen auseinandersetzt, oder die anderen Geschwister verstehen die Schwester oder den Bruder [nicht], der/die hartnäckig wissen will, was vorherigen Generationen widerfahren ist. „Es ist jetzt die letzte Chance, mit Angehörigen zu reden“, meint Gärtner-Horvath, denn jene Menschen, die diese Zeit des Völkermordes bewusst erlebten, sind oft sehr alt.
Wenn aber der Damm bricht und die Erinnerungen zugelassen werden, erzählen die Menschen. Daraus wurde schon die Edition „Meine Geschichte“ mit den Erfahrungen von 15 Personen nach 1938. Nun gibt es Roma, die nach Auschwitz und Mauthausen fahren und dies auch dokumentieren, was dann wiederum der jüngeren Generation hilft, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Wichtig ist auch, dass es Orte gibt, an denen man gedenken kann, dass Tafeln an ermordete österreichische BürgerInnen erinnern. „Leider kommen da oft kaum Rückmeldungen“, die Gemeinden sind meist nicht besonders interessiert.
Bislang wurden fünf Gedenktafeln geschaffen, ansonsten wurden die Roma mit ihrem berechtigten Anliegen vertröstet. „Es muss ja nichts Teures sein“, denn es geht darum, dass es einen Ort gibt, wo man Kerzen hinstellen und trauern kann. Viele der Ermordeten haben kein Grab, sodass die Angehörigen nirgendwo hingehen können. Gedenken soll auch der Versöhnung dienen, denn es kann nur dann eine Zukunftsperspektive geben, wenn die gemeinsame Geschichte erarbeitet wird. Bei offiziellem Gedenken sind die Parteien durchaus engagiert, mit Ausnahme der FPÖ, etwa wenn jedes Jahr in Lackenbach der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird.
Was die Geschichte der Roma betrifft, gibt es ein paar Historiker, die dranbleiben, aber das ist ein Glücksfall. Ansonsten gäbe es im Burgenland wenig Forschung zur „Vergangenheitsbewältigung“. Die Volksgruppen werden im Burgenland oft auch als Bestandteil der Folklore betrachtet, meint Gärtner-Horvath, was auch auf Kroaten und Ungarn zutrifft. Es ist beispielsweise üblich, dass im Landtag bei besonderen Anlässen vier Sprachen benutzt werden. Das Attentat von Oberwart 1995 war ein Einschnitt im Leben der Roma. Nach dem Tod von Peter Sárközi, Josef Simon, Erwin und Karl Horvath erfuhr eine breite Öffentlichkeit, unter welchen Bedingungen viele Roma im Burgenland lebten.
Danach wurden Maßnahmen ergriffen, um die Diskriminierung der Roma zu beenden. Diese hatten durchaus Erfolg, denn heute unterscheidet sich ihre Situation kaum von der anderer BurgenländerInnen, sagt Gärtner-Horvath. „Roma sind genauso wie andere Menschen mehr oder weniger arbeitslos. Wenn es fast keine Lehrstellen gibt, dann deswegen, weil ohnehin kaum welche vorhanden sind. Im Burgenland sind generell die meisten Menschen Pendler, das trifft auch auf uns zu.“ Wenn Jugendliche keine Aussicht auf einen Job haben, bleiben sie länger in der Schule oder beginnen eine Ausbildung, in der Hoffnung, dass sich die Arbeitsmarktlage bessert.
Roma haben heute schon deswegen mehr Chancen, weil es beispielsweise Filialleiter gibt, die Roma sind. „Man schaut nur mehr auf die Qualifikation“, meint Gärtner-Horvath. Sollte jemand auf die Idee kommen, einen Rom oder eine Romni zu diskriminieren, dann würden die Vereine Druck machen. Sorgen bereiten aber der Umgang mit den Roma in manchen anderen EU-Ländern und die Kampagnen gegen bettelnde Roma.
Da wird von Medien wie der „Kronen Zeitung“ auch die Stimmung hochgepuscht mit erfundenen Angriffen von BettlerInnen auf brave BürgerInnen, und die UserInnen lassen dann eine Bandbreite an Behauptungen ab, die uns um 70 Jahre zurückversetzen. „Da kann man Leserbriefe schreiben, soviel man will“, sagt Gärtner-Horvath, der den Grazer Pfarrer Wolfgang Pucher in seinem unermüdlichen Einsatz für die Armen als „Helden“ bezeichnet.
(Artikel: Alexandra Bader, www.ceiberweiber.at)