Ulli Gladik: Quo vadis, Europa?
Februar 5th, 2011 | Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte
Betteln ist für viele Menschen die einzige Möglichkeit sich selbst zu helfen. In der Steiermark plant man ein Bettelverbot, das Arme kriminalisiert und aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Die Filmemacherin Ulli Gladik, Mitarbeiterein der BettelLobbyWien, schreibt in der Straßenzeitung Megaphon über das drohende Bettelverbot:
In EUropa gilt die Personenfreizügigkeit. Doch nicht in Frankreich und Italien. Nicht für die, die arm sind und verdächtigt werden, der Romaminderheit anzugehören. Sie werden abgeschoben. Man legt sogar Kataster an. Listen, auf denen sie verzeichnet werden. In der Slowakei, Tschechien und Bulgarien baut man Mauern, um den Armen den Zugang zu den Städten zu erschweren. In Ungarn ziehen schwarz gekleidete Paramilitärs mordend und brandschatzend durch ihre Siedlungen. In Wien werden sie von bis zu zehn Polizisten abgeführt und müssen 700 Euro Strafe zahlen, wenn sie betteln. In vielen Wiener Schaufenstern hängen jetzt sogar Plakate, die davor warnen, ihnen Geld zu geben. Wegen der Hintermänner heißt es, die sich Paläste bauen, Mercedes fahren und ihnen das Geld abnehmen. Hintermänner, die niemand getroffen hat, die aber so gerne bemüht werden, um BettlerInnen pauschal zu kriminalisieren. Um immer wieder neue Bettelgesetze zu rechtfertigen, vor einer Öffentlichkeit, die eigentlich gerne hilft, weil die meisten Menschen sich vorstellen können, wie es ist, arm zu sein. So wie die GrazerInnen auch Natasha Kirilova, der „Heldin“ meines Filmes, geholfen haben. Sie hat zwei Jahre lang in Graz gebettelt. Viele kennen sie. Sie saß vor der Stadtpfarrkirche. Von morgens bis abends. Obwohl sie es hasste zu betteln. Doch es gab keine andere Möglichkeit. Keine Arbeit und die Transferleistungen in Bulgarien sind so gering, dass niemand davon leben kann. Die Familie wäre um ein Haar obdachlos geworden. Doch sie hat es geschafft. Das Haus ist abbezahlt, die Kinder besuchen die Schule und die Hoffnung lebt, doch wieder mal Arbeit zu finden. Hätte Natasha Kirilova nicht in Graz betteln können, wären sie und ihre Familie jetzt auch in einem der Slums rund um Sofia gelandet. Von hier aus kann kein Kind mehr die Schule besuchen, kann niemand mehr einer geregelten Arbeit nachgehen. Hier regieren Hunger, Kälte, Krankheit und Tod.
Statt Armut nachhaltig zu bekämpfen, was eigentlich die Aufgabe der Politik wäre und das „Bettelproblem“ lösen würde, wird mit Bettelverboten versucht, Armut unsichtbar machen. Es wird Politik gemacht, die ein Klima der Intoleranz auf dem Rücken benachteiligter Menschen schafft. Sehr beunruhigend, denn gerade in Krisenzeiten sollte die Politik rechtsextremen Strömungen entgegenwirken, statt ihrerseits Ressentiments zu schüren und Hilfe suchende Menschen zu kriminalisieren.
Ulli Gladik lebt als freischaffende Filmemacherin in Wien. In ihrem Dokumentarfilm „Natasha“ hat sie eine Bulgarin, die in Graz bettelte, zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet. www.natasha-der-film.at