Pogromstimmung in Nordtschechien

August 31st, 2011  |  Published in Rassismus & Menschenrechte  |  1 Comment

Pogrom in Tschechien - Polizei schützt Romahaus (Foto: Romea)Die Medien berichten heute von einer neuen Polizeitruppe gegen „Roma-Gewalt“. Vom Pogrommarsch in Rumburk, vor dem die bedrohten Roma  am Freitag in die Wälder flüchteten, erfährt man indes nichts.

Der tschechische Innenminister Jan Kubice kündigte gestern die Bildung einer an die 200 Beamte umfassenden Spezialeinheit der Polizei an. Begründet werde dies laut Nachrichtenagentur AFP (hier die Meldung in der Welt) mit „mehreren Übergriffen von Angehörigen der Roma in Städten an der Grenze zu Deutschland“. Die Situation in der Region sei außer Kontrolle geraten: „In der Region ist die Lage seit zwei rassistisch motivierten Übergriffen von Roma im August stark angespannt“, heißt es in der AFP-Meldung weiter: Darüber hinaus „kam es in den Städten Sluknov, Rumburk und Varnsdorf an der Grenze zu Deutschland in den vergangenen Monaten zu mehreren weiteren Vorfällen, in die Roma verwickelt waren“.

Über die zwei erwähnten „rassistisch motivierten“ Übergriffe erfährt man in der Meldung leider nichts, auch nicht, in welcher Stadt sie sich zugetragen haben. Dazu muss man sich selbst um Zusatzinformationen bemühen: Es handelt sich um zwei Vorfälle in einer Bar in Nový Bor und vor einer Diskothek in Rumburk – für die Menschenrechts-NGO Romea die zu verurteilende Gewalteskalation von Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen, wie sie in Tschechien auch andernorts vorkämen: „Der Anlass war eine Schlägerei zwischen Jugendlichen, wie sie tagtäglich hundertfach im ganzen Land stattfindet. Aufgrund der Beiträge der Medien und ultrarechter Gruppen ist dieser Vorfall aber zum Vorwand für einen Rassen-Konflikt geworden.“ Romea schreibt dazu:

Two incidents this month served to spark the current crisis in North Bohemia. The first, which took place 7 August, involved Romani customers of a gaming room in Nový Bor attacking the other customers and staff with machetes. Two weeks later, a group of 18 Romani people beat up six ethnic Czechs. As payback, four ethnic Czechs then brutally beat up an innocent Romani man with baseball bats in front of his pregnant girlfriend (Anm.: mehr dazu hier). Prior to all of these incidents, in July and early August, ethnic Czechs committed two arson attacks against Romani people living in Býchory and Krty.

Doch das ist nicht das Einzige, was einem im AFP-Bericht vorenthalten wird. Aufschlussreicher ist da, was man von Romea.cz über die Hintergründe der kommenden Spezialeinheit (die übrigens schon seit 2009 geplant ist) erfährt: In Rumburk kam es nämlich am Freitag im Anschluss an eine vermeintlich friedliche „Anti-Gewalt“-Demonstration, in der die Entfernung der zugezogenen Roma-Einwohner gefordert und auch ein Aktivist der rechtsextremen „Občanský odpor“, Josef Mašín, aufs Podium gebeten wurde, zu einem Pogrommarsch von 600 bis 800 (Romea) bzw. 1000 (ČTK) Personen zu einem von Roma-Familien bewohnten Haus. Rassistische Slogans wurden gerufen, Steine flogen, ein Zaun wurde niedergerissen und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Nur eine Polizeikette um das Gebäude konnte Schlimmeres verhindern. Eine neunköpfige Roma-Familie aus dem angegriffenen Haus flüchtete durch den Wald ins 14 km entfernte Krásná Lípa. „Es war wohl mit Versammlungen wie dieser, wie die Kristallnacht 1938 angefangen haben muss“, schreibt ein Augenzeuge.

Die neonazistische Partei DSSS versucht die Zuspitzung der Lage für sich zu instrumentalisieren und plant für den 10. September eine Anti-Roma-Kundgebung in Nový Bor. Hintergrund der Spannungen ist der von Immobilienspekulanten forcierte Zuzug sozial schwacher Roma-Familien aus anderen Teilen Tschechiens:

More and more new Romani residents are said to be continually moving into the area. Locals say real estate agents are purchasing apartments in Central Bohemia occupied by Romani people and financing their move north so they can sell the renovated properties at a profit. Many local entrepreneurs are making a living on this migration of the socially deprived, setting up residential hotels and cashing in on the not inconsiderable social housing benefits available to the indigent from municipalities and the state.

(Roman Urbaner, dROMa-Red.)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Neonazi-Mob will Roma-Viertel stürmen says:

    September 7th, 2011 at 09:58 (#)

    [...] Polizeipräsenz konnte ein tatsächliches Umschlagen der Pogromstimmung in Massengewalt (wie zuletzt in der Stadt Rumburk) bisher [...]