
LUDWIG HORVATH
Oberwart (geb. 1955 in Oberwart)
Zur Person
Ludwig Horvath wurde am 23. März 1955 als eines von sieben Kindern des Ehepaars Horvath in Oberwart geboren. Aufgewachsen ist er in der so genannten zweiten Oberwarter Roma-Siedlung, die Anfang der 1970er-Jahre dann dem Schwerpunktkrankenhaus weichen musste und auf dem Areal der ehemaligen Mülldeponie neu errichtet wurde. In den zwölf Häusern und einer Holzbaracke wohnten ca. 120 bis 130 Roma auf engstem Raum (Zimmer, Küche), ohne Strom, Kanalanschluss und fließendes Wasser.
Vor dem Beginn der NS-Verfolgung lebten Ludwig Horvath zufolge in Oberwart circa 700 bis 800 Roma (Siedlung Mühlgasse). Ein großer Teil der Kinder sei damals nämlich nicht amtlich erfasst worden und müsste deshalb zu den etwa 300 registrierten Roma dazugerechnet werden. Nachdem nahezu alle Oberwarter Roma deportiert worden waren, wurde diese erste Siedlung zerstört und geplündert. Die wenigen Überlebenden kamen zunächst bei Bauern unter, bevor ihnen die Baracken der sowjetischen Besatzungssoldaten als Siedlungsgebäude Anfang der 50er-Jahre zur Verfügung gestellt wurden.
Auch die Eltern von Ludwig Horvath wurden von den Nationalsozialisten in KZs deportiert: seine aus Jabing stammende Mutter nach Auschwitz und Ravensbrück, sein 1920 in Oberwart geborener Vater nach Mauthausen. Sie waren die einzigen Überlebenden ihrer einstigen Großfamilien. Wie viele Verwandte es vor dem Krieg waren und wie deren Leben verlief, entzieht sich der Kenntnis Ludwig Horvaths. Sowohl seine Mutter als auch sein Vater haben es fast zeitlebens vermieden, in Gegenwart ihres Sohnes über die Zeit in den KZs und das Schicksal ihrer Familienangehörigen zu erzählen.
Trotz dieser schweren Bürde empfindet Ludwig Horvath seine Kindheit rückblickend als eine wunderschöne Zeit, die für ihn durch ein ausgesprochenes Zusammengehörigkeitsgefühl geprägt war. Das freie Aufwachsen, aber vor allem die Abende, wo man zusammensaß und sich Märchen auf Roman erzählte, vermisst Ludwig Horvath bis heute.
Bis zu seinem Schuleintritt wurde ausschließlich roman gesprochen. Deutsch lernten er und seine Freunde dann zwar rasch, der schulische Erfolg und ein schulisches Weiterkommen blieben jedoch aus. Die Vorurteile der Nicht-Roma waren einfach zu groß, als dass ein normales Miteinander möglich gewesen wäre. Es gab keinerlei Unterstützung für die Roma-Kinder durch die Lehrer, und die Eltern der Roma-Kinder waren aufgrund der Umstände nicht dazu in der Lage, bei den Hausaufgaben zu helfen. Von schulischen Veranstaltungen wie Elternsprechtagen blieben die Roma großteils ausgeschlossen; die Kontakte der Kinder beschränkten sich auf die Schulstunden und - wie im Falle Ludwig Horvaths - auf sportliche Aktivitäten (Fußball). Auch auf eine Lehrstelle konnten Oberwarter Roma-Jugendliche zu dieser Zeit nicht hoffen: "Und daheim einen Lehrberuf erlernen? Keine Firma hätte dich damals genommen. So groß waren die Vorurteile." Herr Horvath nahm - wie bereits sein Vater und der Großteil seiner Altersgenossen - eine Hilfsarbeit beim Straßenbau in Wien an. 1975 lernte Ludwig Horvath seine spätere Frau kennen und beide beschlossen, nach Ungarn zur Familie seiner Frau zu ziehen. Er wurde so zu einem der wenigen österreichischen Gastarbeiter im kommunistischen Ostblock. Trotz vermeintlicher Schwierigkeiten stellte sich die neue Heimat als Glücksgriff für das junge Paar heraus. Ludwig Horvath erlernte die Sprache und schloss eine Berufsausbildung als Forstarbeiter ab. Die bald vierköpfige Familie erreichte in den nächsten Jahren einen wesentlich höheren Lebensstandard, als dies, Ludwig Horvath zufolge, in Österreich möglich gewesen wäre; und sie genoss die Freiheit, keine Diskriminierungen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu erfahren.
Eine schwere Erkrankung des Vaters von Ludwig Horvath zwang jedoch die junge Familie, Anfang der 80er-Jahre nach Österreich zurückzukehren. Ludwig Horvath nahm wieder seine Tätigkeit im Straßenbau auf und pendelte fortan nach Wien. Die zwei größeren Kinder - die Familie war mittlerweile sechsköpfig - besuchten die Schule in Oberwart. Sie blieben zwar immer noch mehr oder weniger getrennt von den Nicht-Roma, die Vorurteile waren jedoch nicht mehr so spürbar wie noch zur Schulzeit Ludwig Horvaths.
Heute betrachtet Ludwig Horvath die Sprache der Roma als den zentralen Baustein ihrer ethnischen Identität und bedauert, seinen Kindern keine Roman-Kenntnisse vermittelt zu haben. Dieses ethnische Bewusstsein wurde - wie Herr Horvath betont - erst durch das Bombenattentat auf vier Oberwarter Roma "wachgerüttelt". Jenes Zusammengehörigkeitsgefühl, das Herr Horvath aus seiner Kindheit kennt, wiederzubeleben, wäre sein sehnlichster Wunsch für die Zukunft. "Das Zusammenleben der Roma sollte noch einmal so sein, wie es früher war. Ich meine das wirkliche Zusammenleben der Roma. Ein Nicht-Rom kann sich gar nicht vorstellen, wie das war. Wenn das noch einmal kommen würde, würde es auch im Allgemeinen viel besser werden. Wir sollten wieder zusammenhalten und nicht gehässig sein. Miteinander reden, dass wäre mein Wunsch."