
JOHANN BARANYAI
Gritsch (geb. 1953 in Gritsch)
Zur Person
Johann Baranyai wurde am 15. Juni 1953 als jüngstes von drei Kindern im südburgenländischen Gritsch (Ortsteil von St. Martin an der Raab, Bezirk Jennersdorf) geboren. Er wuchs in einer Atmosphäre auf, die den Geist der NS -Herrschaft noch in sich trug. Seine Eltern konnten das Geschehene kaum verarbeiten und waren nicht in der Lage, ihr Leid mitzuteilen. Sie waren machtlos gegen die ständigen Diskriminierungen, die sich nun auch gegen ihre Kinder richteten. Der Vater Johann Baranyais, Johann Baranyai sen., wurde infolge des "Auschwitzerlasses" verhaftet und im Frühjahrs 1943 zusammen mit seiner Großfamilie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. "Seine Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten, es waren sehr viele, sind alle ermordet worden. Kein Einziger ist zurückgekommen." Auch seine spätere Frau Maria Baranyai verlor in Auschwitz-Birkenau ihre vier Kinder und ihren ersten Mann. Sie selbst überlebte, wurde Mitte 1944 nach Ravensbrück transportiert und dort ein drei viertel Jahr später von der Roten Armee befreit. "Meine Eltern haben zwar darüber gesprochen, aber immer wieder haben sie abgeblockt. Sie haben darüber nicht reden können. Sie haben es nie verkraftet. Wir als Kinder sind nicht so richtig mitgekommen, was sie da mitgemacht haben. Aber jetzt verstehe ich es, warum sie so waren."
Etwa 1946 lernten sich die Eltern von Johann Baranyai jun. kennen und gründeten eine Familie. Sie bauten sich ein kleines Holzhaus auf dem Areal der früheren Roma-Siedlung, die im Laufe der NS -Herrschaft zerstört und geplündert worden war. Von den ehemals 60 bis 70 Bewohnern hatten neben Johann Baranyai sen. lediglich dessen Großtante sowie ein Nachbar den Holocaust überlebt. Die junge Familie lebte vom Schleichhandel, vom Betteln, Musizieren, Scherenschleifen und Kesselreparieren. Das Leben in den ersten Nachkriegsjahren gestaltete sich schwierig; nicht nur wegen der materiellen Not, sondern auch weil der frühere Zusammenhalt zwischen den Roma langsam verschwand. An der Mentalität der Gadsche (Nicht- Roma) hatte sich wenig geändert, was später auch Johann Baranyai jun. und seine Geschwister zu spüren bekamen: "[...] von früh bis spät hat es nur ,Zigeuner’ geheißen. Das ist immerfort so gegangen." 1962 entschloss sich die mittlerweile fünfköpfige Familie, nach Graz zu übersiedeln. "Graz war das Paradies für mich", wie sich Johann Baranyai heute zurückerinnert. Fortan ging es aufwärts: Zunächst kam die Familie Baranyai bei befreundeten Roma unter, später bezogen sie dann eine eigene Wohnung. Der Vater arbeitete für kurze Zeit als Hilfsarbeiter in Wien. Den Lebensunterhalt verdiente sich die Familie jedoch sehr bald mit dem Musizieren und der Gründung einer Familienband. Johann Baranyais Mutter spielte Schlagzeug, sein Vater vor allem Geige und sein Bruder beherrschte mehrere Instrumente. Johann Baranyai absolvierte die achtklassige Volksschule und anschließend eine Lehre als Mechaniker, die er jedoch nicht abschloss. In dieser Zeit lernte er seine spätere Ehefrau Ingrid kennen. Sie bezogen eine Gemeindewohnung. Johann Baranyai schlug vorerst eine selbstständige Berufslaufbahn als Alteisenhändler und Marktfahrer ein. Nach zwei Jahren wechselte er in die Grazer Puch-Werke, wo er die nächsten 21 Jahre bleiben sollte. Die Familie genoss das Leben in Graz und vor allem den Umstand, dass es keine Rolle spielte, ob man Rom war oder nicht. Drei der insgesamt fünf Kinder besuchten bereits die Schule und waren von den Problemen südburgenländischer Roma-Kinder weit entfernt. Und trotzdem zog die Familie Baranyai Ende der 70er-Jahre wieder in die bereits hinter sich gelassene Heimatgemeinde Gritsch zurück; ein Schritt, der für Johann Baranyai bis heute unerklärlich blieb: "Ich weiß nicht, das war für uns ein ganz schlechter Platz, und trotzdem sind wir jetzt wieder da."
In Graz war das Rom-Sein kein Thema, in Gritsch wurde es sofort wieder zu einem bestimmenden, vor allem für die fünf Kinder. Immer wieder gab es Probleme mit den Schulkollegen und den Lehrern, und später, als sich die Kinder um einen Lehrplatz oder eine Arbeit bewarben, genügte oft schon die Erwähnung ihres bei Burgenland-Roma häufigen Namens, um abgewiesen zu werden.
Johann Baranyai hofft heute, dass "wir hier in Gritsch auch einmal so aufgenommen werden wie die anderen. Wenn man irgendwo hingeht, möchte ich die Leute nicht immer flüstern hören: ‚Da ist ein Zigeuner.’" Die Kultur der Roma ist für ihn ein zentraler Bestandteil seiner Identität. Während einer Reise nach Indien, die ein befreundeter Marktfahrer organisiert hatte, versuchte er seiner Kultur näher zu rücken: "Es hat mich interessiert, wo wir herkommen. Und irgendwie kann ich das gar nicht verstehen, warum wir Roma von dort weggezogen sind. Indien ist ein wunderschönes Land. [...] Ich würde sofort dort bleiben, wenn wir die Möglichkeit hätten."