
JOSEF HORWATH
Kleinbachselten (geb. 1944 in Kirchberg/NÖ)
Zur Person
Josef Horwath wurde 1944 als jüngstes von drei Kindern in Kirchberg am Wechsel (Niederösterreich) geboren. Seiner Mutter, in ihrem Heimatdorf Goberling (Stadtgemeinde Stadtschlaining im Bezirk Oberwart) durch einen Hinweis eines Nicht-Rom gewarnt, gelang 1939 die Flucht vor den Nationalsozialisten. Sie versteckte sich vorerst im Wald und fand schlussendlich Unterschlupf bei einem Bauern in Kirchberg. Immer in Gefahr, verraten und entdeckt zu werden, richtete sie sich dort ihr Leben ein.
Sie lernte ihren späteren Mann kennen, der bis 1942 bei der Wehrmacht diente, und brachte drei Kinder zur Welt, wobei Josef, das jüngste Kind, seinen Vater nie kennen lernen sollte. Sein Vater wurde von einem Rom, der im selben Haus wohnte, beim Diebstahl von Brennholz verraten und wurde inhaftiert. Er wurde nach Wiener Neustadt und später in die Lobau (bei Wien) überstellt, wo er Ende 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Auch Josef Horwaths Großeltern gelang die Flucht, eine Tante hingegen wurde ins Lager Lackenbach deportiert.
Josef Horwaths Mutter kehrte 1945 wieder nach Goberling zurück und kam mit ihren Kindern im Feuerwehrhaus unter. Josef Horwath berichtet, dass der Großteil der rund 50 Goberlinger Roma in Auschwitz ermordet wurde, ihre Häuser waren 1945 alle zerstört. 1946 lernte Josef Horwaths Mutter seinen späteren Stiefvater kennen und die Familie zog nach Kleinbachselten (Bezirk Oberwart). Sein Stiefvater übte die traditionellen Gewerbe der Burgenland-Roma aus und arbeitete als Scherenschleifer, Rastelbinder und Musiker. In den Sommermonaten bereiste er mit seinem Pferdefuhrwerk die umliegenden Dörfer, in der kalten Jahreszeit war er als Musiker (begleitender Geiger) tätig. Die Kinder durften ihren Vater immer wieder begleiten, und Josef Horwath blieben diese Fahrten bis heute in besonderer Erinnerung. Die Kindheit und Schulzeit beschreibt Herr Horwath als schwierige Zeit: Zum einen war es ein freies Aufwachsen, und die Roma-Kinder und -Jugendlichen wussten sich gegen die Diskriminierungen und Anfeindungen zu wehren. Andererseits war die soziale Not groß: Bis zum Hausbau 1960 wohnte die Familie Horwath in lediglich zwei Zimmern. Ein ruhiges Lernen war für die romansprachig aufgewachsenen Kinder, die Deutsch nur als Zweitsprache erlernten, kaum möglich. Zudem waren die Kinder aufgrund des Analphabetismus der Mutter auf die Hilfe der Nicht-Roma-Kinder angewiesen. An eine höhere Schulausbildung war unter diesen Umständen nicht zu denken. Nach sieben Jahren schloss Josef Horvath die Volksschule in Kleinbachselten ab und begann zu arbeiten - zunächst in der Grünarbeit und dann am Bau.
Bei der Heimfahrt von der Arbeit ereignete sich dann ein folgenschwerer Unfall, der den damals 17- Jährigen für sein weiteres Leben an den Rollstuhl fesselte. Nach eineinhalb Jahren der Rekonvaleszenz kam Josef Horwath wieder zurück zu seiner Familie. "Es war ja nicht so wie heute: Wir hatten ja damals nur Zimmer und Küche, und das Klo war draußen, das war nicht leicht für mich. Wir waren damals acht oder neun Leute in zwei Räumen, mit den Kindern. Weil inzwischen hat die Mutter mit dem Stiefvater wieder Kinder gehabt. Das war keine leichte Kindheit für uns."
Josef Horwath ließ sich jedoch nicht entmutigen. Er wollte wieder arbeiten und unter Leuten sein. Mit 22 Jahren fasste er den Entschluss, die Handelsschule in Wien zu besuchen, die er erfolgreich abschloss. Mit Hilfe eines "Fürschreibens" des damaligen Bundeskanzlers Kreisky erhielt Josef Horwath - nur wenige Jahre nach seiner Hochzeit 1968 - den Gewerbeschein und baute ab 1971 einen florierenden Obst-, Gemüse- und Blumenhandel auf. Den Höhepunkt erreichte das Unternehmen in den 90er-Jahren, als Josef Horwath den Schritt vom Klein- zum Großhandel vollzog. Probleme aufgrund seiner Herkunft gab es Herrn Horwath zufolge dabei nie.
Ein weiterer Schicksalsschlag zwang Herrn Horwath im Jahr 2000 jedoch, sein Unternehmen aufzugeben. Aufgrund von Durchblutungsstörungen mussten seine Beine amputiert werden. Keines seiner zwei Kinder übernahm das Handelsunternehmen, was Josef Horwath auch heute noch bedauert. Trotzdem sieht der nunmehrige Rentner seine familiären, beruflichen und materiellen Träume erfüllt. Ein weiteres außergewöhnliches Moment in der Biografie Josef Horwaths ist sein frühes Eintreten für die Volksgruppe der Roma. In den späten 60er- Jahren, als die Anerkennung und Institutionalisierung der Volksgruppe noch nicht einmal angedacht waren, war Josef Horwath der Erste, der Roma-Bälle, damals noch "Zigeunerball" genannt, organisierte. Und nach anfänglicher Skepsis beteiligte er sich auch tatkräftig als Kassier an der Vereinsarbeit des ersten Roma-Vereins ("Verein Roma"). Sorgen macht sich Herr Horwath jedoch um den Erhalt des Roman, das für ihn ein immens wichtiges, nicht aber das entscheidende Charakteristikum der Roma-Identität darstellt: "Rom zu sein, bedeutet für mich, im Herzen Rom zu sein. Dazu zu stehen und es nicht zu verschweigen, das ist das Wichtigste. [...] Ein Rom ist innen ganz anders als ein Nicht-Rom. Der denkt ganz anders, liebt das Leben, er liebt das Feiern, er ist immer lustig, wenn er auch einmal traurig ist, ist er trotzdem lustig. Und es kommt wieder einmal eine Zeit, wo es ihm gut geht."