ANTON MÜLLER
Zahling (geb. 1924 in Zahling)


Zur Person

Anton Müller (ursprünglich Anton Sarközi) wurde am 27. März 1924 als zweites von fünf Kindern im südburgenländischen Dorf Zahling (heute Gemeinde Eltendorf im Bezirk Jennerdorf) geboren. Die Familien lebten von Gelegenheitsarbeiten der Männer und vom Betteln der Frauen; die Kinder waren zumeist gezwungen, bei den Bauern in Dienst zu gehen. Auch der Vater Anton Müllers, Paul Sarközi (geb. 1888), konnte, obwohl er als Musiker über ein geringes Zusatzeinkommen verfügte, seine Familie nicht ernähren. Anton Müller arbeitete von seinem siebten bis zu seinem 14. Lebensjahr als Knecht bei einem benachbarten Bauern. Sein Lohn waren regelmäßige Mahlzeiten und ein Schlafplatz im Kuhstall. Gelegentlich spielte er auch bei der Musikgruppe seines Vaters mit. Soweit es die Arbeit erlaubte, besuchte Anton Müller nebenbei die Volksschule. Als im Juli 1938 die Zwangsarbeit für Burgenland-Roma eingeführt wurde, wurde Anton Müller zusammen mit seinem Vater zu Bachregulierungsarbeiten im Nachbarort Königsdorf verpflichtet. Etwa Ende 1939, nachdem bereits ein Teil der Zahlinger Roma in die Konzentrationslager Ravensbrück und Dachau deportiert worden war, entschloss sich die Familie Sarközi, in das obersteirische Industriegebiet zu fliehen. Sie fand Unterschlupf bei einem Bergbauern in Leoben und blieb vorerst unbehelligt. Anton Müller, sein älterer Bruder (Franz) und sein Vater (Paul) wurden von einer Hoch- und Tiefbaufirma in Leoben-Seegraben eingestellt, die übrigen Familienmitglieder - die Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder (Karl) - arbeiteten am Hof des Bergbauern. Einige Monate später, im Herbst 1940, wurden alle männlichen Familienmitglieder, bis auf den jüngeren Bruder Karl, verhaftet und ins neu errichtete "Zigeunerarbeitslager" Kobenz bei Knittelfeld gebracht. Dort wurden sie Arbeitskolonnen zugeteilt und zu Straßenbauarbeiten verpflichtet. Vermutlich Mitte 1941 erfolgte die Überstellung ins "Zigeunerarbeitslager" Zeltweg, wo sie zu Asphaltierungsarbeiten am Flughafenfeld eingeteilt wurden.
Mit den Deportationen ins Ghetto Lódz/Litzmannstadt im November 1941 wurden die "Zigeunerarbeitslager" Kobenz und Zeltweg aufgelöst und die Internierten in Viehwaggons unter SS -Aufsicht ins Sammellager Fürstenfeld transportiert, wo Identität und "rassische Zugehörigkeit" überprüft wurden. Aufgrund des "Arierausweises" der Mutter (geb. 1889), einer Grazer Nicht- Romni, und der Einflussnahme des Zahlinger Bürgermeisters, der Arbeitskräfte vor Ort benötigte, kam die Familie Sarközi frei. Anton Müller wurde da-raufhin zum Reichsarbeitsdienst (RAD) einberufen und dem RAD-Lager Maxglan bei Salzburg zugewiesen. Er absolvierte dort die sechsmonatige Grundausbildung und wäre eigentlich für den Fronteinsatz vorgesehen gewesen. Durch die Intervention des Kompaniechefs, eines früheren Bekannten seines Vaters, gelang es Anton Müller jedoch, den Abrüstungsbescheid zu erhalten. Er kam im Herbst 1942 zurück nach Zahling und arbeitete noch ein paar Monate bei einer Frachtfirma. Nach dem Schnellbrief Himmlers vom 16. Dezember 1942 ("Auschwitz-Erlass") wurden Anton Müller und die übrigen Familienmitglieder abermals verhaftet und ins Sammellager Fürstenfeld gebracht. Anton Müller wurde im Frühjahr 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von Auschwitz kam er im Jahr 1944 über Ravensbrück nach Mauthausen, wo er am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Es folgte ein mehrmonatiger Lazarettaufenthalt, und im Herbst 1945 kehrte Anton Müller nach Zahling zurück.
Sein jüngerer Bruder Karl wurde zusammen mit dem Vater, Paul Sarközi, von Auschwitz nach Buchenwald deportiert, jedoch dort unterschiedlichen Arbeiterkolonnen zugeteilt. Im Unterschied zu Karl überlebte Paul Sarközi die NS -Herrschaft nicht. In welchem KZ und wann Paul Sarközi starb, bleibt bis heute unklar. Der Vernichtungsmaschinerie zum Opfer fielen außerdem eine Schwester mit ihren Kindern und der ältere Bruder Anton Müllers, Franz Sarközi, sowie dessen Frau und Kinder. Die Mutter Anton Müllers und eine Schwester überlebten das NS -Regime. Die sowjetischen Besatzer - unter ihnen auch einige Roma - erfuhr Anton Müller als Schutzmacht für die Roma, die die zurückgekehrten Roma auch materiell unterstützte. Anton Müller gelang es, sich eine neue, wirtschaftlich erfolgreiche Existenz aufzubauen. Er arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter und machte sich dann selbstständig. Lukrativ waren vor allem der Handel mit Tongeschirr und der Federhandel; später baute Anton Müller ein Secondhand- und Renovierungs-Geschäft für alte Möbel auf, das sein Sohn heute immer noch erfolgreich führt. In den 70er-Jahren, als seine Kinder in die Schule kamen, entschloss sich Anton Müller, seinen Namen zu ändern. Er wollte es den Kindern ersparen, Benachteiligungen allein aufgrund des Familiennamens in Kauf nehmen zu müssen.

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