Tony Gatlif (1948–2026)

September 22nd, 2026  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Film & Theater

Kino-Visionär der Roma: Regisseur Tony Gatlif mit 77 Jah­ren ge­stor­ben

Arles/Frankreich: Der französische Filmregisseur, Drehbuch­autor und Kom­ponist Tony Gatlif ist am 2. Septem­ber 2026 im Alter von 77 Jahren in seiner Heimat­stadt Arles in Süd­frankreich ver­stor­ben. Er erlag den Folgen „eines gesund­heit­li­chen Problems“, wäh­rend er an einem histo­rischen Film­projekt arbeitete. Dies gab seine Familie der Agentur AFP bekannt. Mit seinem Tod verliert die euro­päische Filmkunst die kraft­volle und poetische Stimme der Roma im Kino. „Die Schön­heit seiner Filme, seine Groß­zügig­keit, seine Lebens­freude, seine Poesie und seine Liebe zur Musik werden für immer in unserem Herzen bleiben“, betont seine Familie in ihrer Erklä­rung und wünscht ihm „latcho drom“ – „gute Reise“ auf Romanes und Titel eines seiner be­kann­tes­ten Filme.

Vom Straßenkind zum Cannes-Gewinner

Geboren wurde Gatlif am 10. September 1948 als Michel Dahmani im damals fran­zösi­schen Algier als Sohn eines Kabylen und einer Romni. Diese Herkunft prägte sein ganzes spä­teres Schaffen. Im Alter von etwa zwölf Jahren kam er allein und mittel­los nach Fest­land-Frankreich und lebte in Paris zeit­weise auf der Straße, später kam er in eine Er­zie­hungs­anstalt. Nach einigen frühen Erfahrun­gen als Schau­spieler entdeckte er Mitte der 1970er Jahre hinter der Kamera seine eigent­liche Berufung.

Seit seinem Regiedebüt La Tête en ruine (1975) entwickelte Gatlif einen unverkenn­baren Stil, der Elemente des Road­movies und Musik, Tanz und Sozial­kritik ineinander verschmolz. In mehr als 20 Spiel- und Doku­mentar­filmen erzählte er von Freiheit, Migration, Exil, Iden­tität und Rebel­lion. Als Filme­macher von Weltrang hat Gatlif in seinen Arbeiten stets die Kultur und das Schick­sal margina­lisier­ter Gemein­schaften ins Rampen­licht gerückt. Vor allem die Kultur der Roma stand im Zentrum seiner Filme. So erzählte er schon in Les Princes (1983) vom Leben der Roma in den Pariser Vor­stadt­sied­lungen. In Latcho drom, einem musikalischen Bilder­bogen über die jahr­hunderte­alte Reise der Roma von Indien bis nach Europa setzte er der Kultur der Roma 1993 ein filmisches Denkmal. Einige seiner Filme gelten längst als Klassiker, allen voran Gadjo Dilo – Geliebter Fremder, der Tony Gatlif 1997 zu Weltruhm verhalf. Mit dem Drama Exils feierte er 2004 seinen größten inter­nationa­len Erfolg: Bei den Filmfest­spielen von Cannes wurde er mit dem Preis für die Beste Regie aus­ge­zeichnet. Mit Liberté/Korkoro, einem his­tori­schen Drama über Roma und Sinti im besetz­ten Frankreich, wandte er sich 2009 dem Roma-Holocaust zu. Sein letzter Film, Ange, erschien 2025.

Die Musik war das Herzstück seiner Filme, sie fungierte als zentraler Träger von Erinne­rung und Identität. Als Komponist schrieb er die Musik für zahl­reiche seiner Filme selbst. Für die Musik zu Gadjo Dilo und Vengo wurde er 1999 und 2001 mit dem fran­zösi­schen Film­preis César aus­ge­zeichnet.

(Text: dROMa)

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