Umfrage: Massiver Antiziganismus in Österreich

September 10th, 2026  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Alarmierendes, aber medial und politisch kaum the­ma­ti­sier­tes Detail aus der neu­en Um­fra­ge des Ös­ter­rei­chi­schen In­te­gra­tions­fonds: Etwas mehr als die Hälfte der Men­schen in Ös­ter­reich gibt an, es würde sie „stö­ren“, wenn sie Roma oder Sinti als Nach­barn hät­ten. Da­mit sind Roma und Sinti – nach Asyl­werbern – die in Ös­ter­reich am stärks­ten ab­ge­lehn­te Gruppe.

Am Dienstag präsentierte Integrationsministerin Claudia Bauer ge­mein­sam mit dem Sozial­wissen­schaft­ler Rudolf Bret­schneider die Er­gebnisse der neue Integra­tions­umfrage des Öster­reichi­schen Integra­tions­fonds (ÖIF), die nun unter dem Titel „Was denkt Österreich?“ als Bericht vor­liegen. Die öster­reich­weite Meinungs­umfrage wurde bereits zum vierten Mal unter der inhalt­lichen Leitung Rudolf Bretschneiders durch­ge­führt. Um­gesetzt wurde die aktuelle Be­fragung vom Meinungs­forscher Peter Hajek. Die Erhebung analy­siert die Einstel­lungen der öster­reichischen Wohn­bevölke­rung zu den Themen gesell­schaftli­cher Zu­sammen­halt, Migration und Integration.

Wenn Sie fol­gende Nach­bar/in­nen hätten …

Die Frage zu Abb. 20 im Bericht (siehe unten) lautete im genauen Wortlaut: „Wenn Sie fol­gende Nach­bar/in­nen hätten [Anm. der dROMa-Red.: Asylwerber, Roma, Muslime, Langzeitsarbeitslose etc.] – würde Sie das sehr, eher schon, eher nicht oder gar nicht stören?“

ÖIF 2026, Abb. 20

Die Akzeptanz gegenüber Nachbarinnen und Nachbarn variiert in der Bevöl­kerung stark je nach der jeweili­gen Gruppe. Beson­ders Roma und Sinti stoßen dabei auf mas­sive Vor­behalte: Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Pro­zent) würde sich durch sie in der Nachbar­schaft „gestört“ fühlen (21 Prozent „sehr störend“ und 32 Prozent „eher störend“; 3,1 Prozent Schwan­kungs­breite). Damit gehört diese Gruppe zu den am stärks­ten ab­gelehn­ten Gruppen. Noch aus­gepräg­ter ist die Ab­lehnung nur bei „Asyl­wer­ber/in­nen und Flücht­lingen“, die von 28 Prozent als „sehr“ und von 35 Prozent als „eher störend“ empfunden werden. Ähnlich hohe Vorbehalte zeigen sich zudem bei „Men­schen mit musli­mischen Glauben“ (20 Prozent „sehr“, 29 Prozent „eher“), „Langzeit­arbeitslosen“ (19 Prozent „sehr“, 33 Prozent „eher“) sowie all­gemein bei „Ausländern bezie­hungs­weise Per­sonen mit Migra­tions­hinter­grund“ (15 Prozent „sehr“, 30 Prozent „eher“).

Im Gegensatz dazu wird eine Reihe weiterer Untergruppen von einer gro­ßen Mehrheit nicht als „störend“ empfun­den. Bei „Menschen mit gerin­gerem Bildungs­grad“, bei „Schwulen, Lesben, Bi­sexu­ellen“) oder bei „Men­schen mit jüdischem Glauben“ über­wiegen klar die positi­ven Kate­gorien „eher nicht“ und „gar nicht störend“. Die höchste Akzeptanz in der Nach­bar­schaft genie­ßen „Menschen mit Be­hinde­rungen“, bei denen 65 Prozent der Befrag­ten „gar nicht“ und 24 Prozent „eher nicht“ gestört wären; gefolgt von Menschen anderer Hautfarbe mit 42 Prozent „gar nicht“ und 38 Prozent „eher nicht“ störend. Generell zeigen vor allem jüngere und integrations­freund­liche Befragte eine größere Offen­heit gegenüber den meisten der genannten Gruppen.

Nicht gefragt wurde, ob man Rechtsextremisten oder Rassisten als Nach­barn haben will. Auch das Wort Rassismus (bzw. rassistisch) kommt in der gesamten 48-seiti­gen Studie kein ein­ziges Mal vor.

„In vielen Teilen fragwürdig“

Grund­lage der Unter­suchung ist eine Online-Be­fragung, welche im Februar und März 2026 durch­geführt wurde. Hierbei wurden ins­gesamt etwas über 1.000 Per­sonen mit sowie ohne Migra­tions­hinter­grund über ein Online-Panel zu ihren Wahr­nehmun­gen und Ein­stellun­gen hin­sicht­lich Integration und Zuwan­derung befragt.

Die Methodik der als „Forschungsbericht“ präsentierten Internet-Um­frage stieß jedoch sofort auf Kritik. So bezeichnete Der Standard die Befra­gung als eine „in vielen Teilen frag­würdige ,Studie‘“. Anstoß erregte unter ande­rem die zitierte Nach­barschafts­frage, die mit ihren selektiven, vor­ge­gebe­nen Antwort­optionen, die nur gewisse Gruppen vor­schlagen, „rassistische Aussagen gerade­zu heraus­fordert“.

Methodisch fragwürdig sei insbesondere die Art der Befra­gung: Im Vorwort des Berichts er­fährt man, dass die Daten­erhe­bung „mittels Online-Befra­gung über ein Online-Panel“ erfolgte. „Bei Online-Panels melden sich Men­schen an, um Umfragen zu be­ant­worten. Im Gegen­zug bekom­men sie eine Vergütung, üb­licher­weise indem sie Punkte sammeln, die sie dann bei diversen An­bietern einlösen können”, heißt es im Vorwort des ÖIF-Berichts. „Wir erfahren also etwas über Goodies“, kom­mentiert Der Standard, „aber nicht, ob die befragte Gruppe reprä­sentativ für die öster­rei­chi­sche Bevöl­kerung ist. In der weiteren Erklärung der Methodik ist ledig­lich von Quoten die Rede.“

Wie methodisch fragwürdig das sei, zeige sich auch am Anteil der Befragten mit Migra­tions­hinter­grund. Der Standard: „In der Studie gaben 11 Prozent der Teil­neh­menden an, einen Migra­tions­hinter­grund zu haben. Die Fußnote zu diesem Hinweis lautet: ,Der Anteil von Personen mit Migra­tions­hinter­grund ist niedriger als in der Gesamt­bevöl­ke­rung (28 %). Das liegt vor allem daran, dass Menschen mit Migra­tions­hinter­grund für Umfragen schwerer erreich­bar sind, ins­besondere über Online-Panels.‘ Wenn man etwas darüber erfahren will, wie in Österreich lebende Men­schen über das Mit­einander denken, dann möchte man meinen, dass seriöse Umfrage­insti­tute eine Methode wählen, die nicht per default eine riesige Bevöl­kerungs­gruppe aus­schließt. Diese Gruppe ist doch oben­drauf auch gleich­zeitig Objekt der Unter­suchung.“

Österreichischer Integrationsfonds (ÖIF)

Der Österreichische Integrationsfonds ist „ein Fonds der Re­publik Öster­reich, der Flücht­linge, sub­sidiär Schutz­berechtigte, Ver­triebene sowie Zu­wander/innen als zentrale Anlauf­stelle bei der Integra­tion in Österreich unter­stützt“. Es handelt sich um einen „Fonds nach dem Bundes-Stiftungs- und Fonds­gesetz 2015 mit eigener Rechts­persön­lich­keit und mit konkreten Aufträgen, welche in einer Reihe an Bundes- und Landes­gesetzen fest­ge­schrie­ben sind“. Der Öster­reichi­sche Integra­tions­fonds unter­liegt der Aufsicht des Bundes­kanzler­amts und ist seit 1998 für die Integra­tions­hilfe nach dem Asylgesetz sowie seit 2017 für die Ab­wicklung von Integra­tions­maß­nahmen nach dem In­tegra­tions­gesetz zu­ständig. Bei der Wahr­nehmung seiner gesetz­lichen Aufgaben ist der Öster­reichi­sche Integra­tions­fonds gegen­über der Integra­tion­minis­terin wei­sungs­gebunden.

ÖIF-Integrationsbefragung 2026:

Österreichischer Integrationsfonds (Hg.): ÖIF-Integrationsbefragung 2026. Was denkt Österreich? Einstellungen zu den Themen Integration, Zusammenhalt und Zugehörigkeit mit einem Kommentar von Prof. Dr. Rudolf Bretschneider, Wien 2026. →Download (pdf)

(Text: dROMa-Red.)

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