Ruhrgebiet: Demütigung vor laufender Kamera

Juni 7th, 2026  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Demütigung vor laufender Kamera (Filmstill aus dem Social-Media-Video der AfD)Gelsenkirchen: AfD inszeniert „Putz­ein­satz“ von Roma


Ein Mitte April 2026 ver­öf­fent­lich­tes Social-Media-Video der AfD sorgt in Deutschland für Em­pö­rung. Die stig­mati­sierenden Auf­nahmen ent­stan­den in Gel­sen­kir­chen (Nord­rhein-West­falen) und zei­gen Roma-Ein­woh­ner des Stadt­teils Ücken­dorf. Diese wer­den vor lau­fen­der Ka­mera ge­maß­regelt und zum Putzen der Geh­steige an­ge­halten. Die Be­trof­fe­nen spre­chen von Ein­schüch­te­rung.

Das professionell gemachte Video beginnt mit einem Insert: „SIE MÜSSEN GEHEN“ steht da in Groß­buch­staben. Dazu ruft die Land­tags­ab­geord­nete der Alter­na­tive für Deut­schland (AfD) Enxhi Seli-Zacharias in die Kamera: „Diese Men­schen müssen unsere Stadt ver­lassen!“ Bedroh­liche Musik begleitet Auf­nahmen von Müll, Schmie­rerei­en und herun­ter­ge­kom­menen Ge­bäuden. Dann sieht man, wie meh­rere Personen, an­schei­nend Roma-Zu­wanderer aus Südost­europa, zum Putzen auf­ge­fordert werden.

Eine AfD-Gruppe, bestehend aus rund zehn, fast ausschließ­lich männ­lichen Personen, war „mit Kamera, Besen und Kehr­blech aus­ge­rüstet“ (WDR) in den Stadtteil Ückendorf ge­kommen, um Roma bzw. migrant­isch aus­sehende Per­sonen, die sie zufällig auf der Straße an­trafen, zu Putz­arbeiten an­zu­halten und die Szenen zu filmen. Einige folgten sichtlich ein­ge­schüch­tert der Auf­forderung, wäh­rend Kameras das Gesche­hen als ver­meintliche „Bürgeraktion“ fest­hielten. Die Auf­nahmen wurden von der AfD-Politi­kerin Seli-Za­charias mit dem Zusatz „Wir waren vor Ort in Gelsen­kirchen-Ücken­dorf und haben für Ordnung ge­sorgt“ ver­breitet. Sie selbst tritt im Video als An­führerin der Gruppe auf, die sie als „als so­ge­nannte Bür­gerwehr“ be­titelt. WDR be­richtet:

In dem Video zieht Seli-Zacharias mit rund zehn weiteren AfD-Politikern – darunter der stell­vertre­tende Bürger­meister Norbert Emmerich – und aus­ge­stattet mit Besen und Kehrblech durch den Stadtteil Ückendorf. Laut­stark fordert sie Anwohner mit Migra­tions­hinter­grund dazu auf, die Straße zu putzen. Betrof­fen sind vor allem Sinti und Roma.

„Blutsauger unseres Sozialstaates“

Dass hier gezielt die Minderheit der Roma rassistisch stigmati­siert werden soll, macht Seli-Zacha­rias’ Begleit­text auf Insta­gram deutlich: „Die Roma [müssen] ihren Dreck selber weg­machen. Dafür habe ich persön­lich gesorgt. Und das wird jetzt regel­mäßig pas­sieren.“ Im Sprach­duktus des Natio­nal­sozialis­mus bezeichnet die Politi­kerin die Roma als „Blut­sauger unseres Sozial­staates“, die Unheil über das Stadt­viertel bringen würden. Es seien die Roma, daran lassen Video und Posting keinen Zweifel, die eine Bedro­hung für die Bevölke­rung dar­stellen; sogar „Lebens­gefahr für die eigenen Kinder“ gehe von den Zu­wan­derern aus:

Kinder werden ausgeraubt und geschlagen. Ein friedvolles Spielen im Sommer ist un­denk­bar geworden. […] Die Politik hat versagt. Sie hat die ge­samte Lebens­leistung von Men­schen verspielt, in dem sie Roma und ihre „Ge­pflogen­heiten“ hier bei uns tole­rieren und es ihnen durch Anreize sogar schmack­haft machen. […] Wir sagen ganz klar: Diese Roma-Dörfer müssen hier weg. Und zwar schnell. Und all dieser Schwach­sinn, der von der Stadt Gelsen­kirchen als prä­ventiver Ansatz ver­kauft wird, gehört ersatz­los ge­strichen.

Auch im Video selbst heißt es über die Bemühungen der Stadt, die Schwierig­keiten im Viertel mit Ord­nungs­amt, Sozial­arbeit und mutter­sprach­licher Beratung an­zu­packen: „Wir brauchen keinen prä­ventiven Ansatz hier. Unser Ansatz lautet ganz einfach: Wir müssen diese Menschen los­werden.“

Freiwillig eingeschüchtert?

Gegenüber der Presse verteidigt die AfD ihre Aktion. Sie habe bloß auf Miss­stände vor Ort auf­merk­sam machen und ihre „Er­wartun­gen an die Menschen“ richten wollen: „Das ist sogar eine Hilfe­leistung“, sagt Seli-Zacharias im N-TV-Inter­view. „Das hat dazu geführt, dass Menschen aus der Roma-Com­munity sogar frei­willig sauber ge­macht haben“, so die AfD-Politikerin.

Doch von Freiwilligkeit kann wohl keine Rede sein. Laut WDR, der Zeugen und Betroffene be­fragt hat, sprechen die Roma von Ein­schüch­terung. Viele An­wohner hätten gezögert, mit den Jour­nalisten zu reden, und wollten „aus Angst vor der AfD“ un­erkannt bleiben. „Ich wollte das nicht machen. Aber die haben gesagt: ‚Du musst putzen‘“, zitiert der WDR ein Roma-Mäd­chen, das auch im AfD-Video zu sehen ist. „Sie sind zu uns ge­kommen und haben uns ge­zwungen, sauber zu machen“, sagt auch Adrian Ion, ein Ver­treter der lokalen Roma-Com­mu­nity, der den Vorfall selbst mit­erlebt hat. „Wir sind doch auch ver­nünf­tige Men­schen und denken selbst darüber nach, wie wir auf­räumen können. Aber genau das ist der Punkt: Sie wollen uns als Dummköpfe hin­stellen.“

Botschaft: „Ihr seid nirgendwo sicher“

Experten sehen in der öffentlichen Aktion eine bewusste Demüti­gung von Minder­heiten. Der Rassis­mus­forscher Karim Fereidooni von der Ruhr-Uni­versi­tät Bochum äußerte sich im WDR alar­miert über eine neue, gefähr­liche Qualität der politi­schen Agitation: „Bisher war das Teil der Sprache, aber jetzt schreitet man zur Tat und kon­frontiert die Men­schen da, wo sie wohnen.“ Ferei­dooni warnt, dass solche In­szenie­rungen eine klare Botschaft an die Roma senden: „Ihr seid nir­gend­wo sicher.“

Auch Guillermo Ruiz von der Melde- und Infor­mations­stelle Anti­ziga­nismus (MIA) ist fassungs­los. Die Auf­nahmen seien „maximal ent­würdigend und men­schen­ver­achtend. Das ist genau das Bild der Dreißiger­jahre, als Juden ge­zwun­gen worden sind, die Straßen zu räumen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Gelsen­kirchen ist uns in unserer Arbeit bislang in diesem Maße noch nicht auf­ge­fallen. Offen­sicht­lich gibt es Anlässe, da genauer hin­zu­schauen.“

Die öffentliche Zurschaustellung erinnert nicht nur Ruiz an die bekannten Bilder der so­genann­ten „Reibpartien“ der NS-Zeit. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wurden bei­spiels­weise Juden in Wien vor johlen­den Pas­santen dazu ge­zwungen, auf Knien die Straßen zu schrubben.

Klartext der Kirchen: „Menschen­verach­tende Ak­tionen“

Harsche Kritik kommt vor allem aus den Kirchen. Als einer der Ersten verurteilte der katholische Pfarrer Markus Pottbäcker aus Gelsenkirchen die Aktion. In einer Video­bot­schaft spricht er von einem tiefen „Tabubruch“. Der Stadt­dechant sieht eine „neue Dimension“ erreicht: „In einen Stadtteil zu gehen, Menschen an­zu­gehen, ihnen Rei­nigungs­geräte in die Hand zu drücken, sie zu duzen, so zu tun, als wäre man die Herrin des Ver­fahrens. Das halte ich für gefährlich.“ Seli-Zacharias gehe es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern allein darum, „Menschen vorzuführen“. Auch Pottbäcker kamen un­will­kürlich die Bilder der Demü­tigungs­szenen von 1938 in den Sinn: „Natür­lich kann man das nicht ver­gleichen, das ist mir bewusst, aber das kam mir als Erin­nerung. Ich möchte, dass wir das ver­hindern.“ Die AfD re­agierte mit einer neuer­lichen Pro­vokation und er­stellte ein Video, auf dem Seli-Za­charias und ihre Partei­kollegen mit Besen direkt vor einer Kirche in Ücken­dorf posieren.

Auch Pastor Bernd Steinrötter von der Gelsenkirchener Pfarrei St. Hippolytus kriti­siert die „aus­gren­zenden und men­schen­ver­achten­den Aktio­nen“, die „despek­tierliche Ansprache, will­kürlichen Zu­schrei­bungen und Werte­schemata, die im krassen Gegen­satz zu einem respekt­vollen Mit­einan­der stehen. Fast wie neben­bei wurden dabei etab­lierte Prä­ventions­kon­zepte und Orte der Be­gegnung von Stadt und kirchlichen und sozialen Trägern ent­wertet und dif­famiert.“

Die Leitung des Evangelischen Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid fand eben­falls deutliche Worte und ver­urteilte das AfD-Video als „unanstän­dig, über­griffig, respekt­los, ent­würdi­gend“. Für die AfD-Funk­tio­närin im Video ge­hörten die Roma „hier nicht hin, nicht auf diese Straße, nicht in diese Stadt, in dieses Land“, for­mu­liert es Super­inten­dent Heiner Montanus. Statt­dessen wolle sie, dass sie „weg­geräumt werden“, denn „in ihren Augen“ sind sie selbst „der Dreck“.

„Wer weiß, wer bei dieser Frau noch auf der Drecksliste steht. Wer noch weg soll. Wer dem­nächst auch ange­brüllt wird. Und es noch gar nicht ahnt. Soll das die Zukunft für Deutschland sein? Für unsere Stadt? Für Sie und Ihre Kinder? Dann nehmen Sie sich in Acht! Die Frau könnte irgend­wann auch vor Ihnen stehen. Den Besen in der Hand.”

Zu beschäftigt? Politische Stel­lung­nahmen

Von politischer Seite blieb es lange erstaunlich still. Ober­bürger­meiste­rin Andrea Henze von der SPD konnte sich bis dato zu keiner Stellung­nahme durch­ringen. Sie könne sich, erfuhr die WDR-Redak­tion auf Anfrage, „nach eigenen An­gaben aus termin­lichen Gründen nicht zum Video äußern“. Erst Wochen nach Ver­öffent­lichung des AfD-Videos rea­gierte schließlich zumindest die SPD-Stadtpartei: „Wir schließen uns den klaren Worten der Kirchen in unserer Stadt an: Hass, Hetze und Menschen­ver­achtung haben in Gelsen­kirchen keinen Platz. Das heißt nicht das wir Probleme schön­reden oder tot­schweigen. Aber: Die in den ver­gange­nen Tagen ver­breiteten Videos und Äuße­rungen über­schreiten Grenzen. Wer Menschen auf­grund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer Lebens­weise herab­würdigt, greift die Grund­werte unseres Zu­sammen­lebens an. Solche Inhalte sind nicht nur respekt­los, sie sind un­würdig und spalten unsere Gesell­schaft“, heißt es im Kom­mentar zu dem Social-Media-Video der SPD. In diesem geht es jedoch wieder einmal mehr zu­aller­erst um die Prob­leme des Stadtteils und nicht um den ras­sisti­schen Eklat.

Ähnlich die CDU Gelsenkirchen. Auch auf ihrer Website findet sich eine Stellung­nahme, die zu­nächst die Pro­bleme im Stadtteil hervor­hebt, bevor man kritische Worte über die anti­ziganis­tische Video­aktion findet: „Politi­sche Aus­einan­der­setzun­gen dürfen nicht auf dem Rücken einzel­ner Menschen oder Bevöl­kerungs­gruppen geführt werden“, heißt es dann immer­hin. „Die Instru­menta­lisie­rung von Menschen zur Ver­mittlung politischer Bot­schaften lehnt die CDU ent­schieden ab. Es gibt Problem­stellen in dieser Stadt, denen wir be­gegnen müssen. Aber hier werden Men­schen miss­braucht, um politische Bot­schaften zu über­mitteln.“

Eine Stellungnahme gibt es auch von Manuela Cengiz-Bechert von der Partei Die LINKE: „Wer Men­schen als ‚Dreck‘ bezeichnet, den man ‚weg­räumen‘ muss, hat den Boden der Mensch­lich­keit ver­lassen.“ Besonders perfide sei die beschrie­bene Sym­bolik, Men­schen einen Besen in die Hand zu drücken und sie an­zu­brüllen. Dies ver­deutliche, dass es „der AfD nicht um Sauber­keit, son­dern um die Markierung von Menschen geht, die in ihren Augen nicht dazu­gehören“.

Zivilgesellschaftliche Stimmen: „Das ist Demütigung“

Auch im Internet formiert sich energischer zivilgesellschaftlicher Protest gegen diese Form der rassis­tischen „Pranger-Politik“. Auf der Akti­visten­seite „Gegen die AfD“ auf Face­book findet sich fol­gen­des Re­sümee:

Wer Menschen öffentlich mit Besen vorführt, sie filmt, sie als Problem markiert und daraus politi­sche Pro­pa­ganda macht, betreibt keine Kom­munal­politik. Das ist keine Lösung für ein Stadt­viertel. Das ist Demü­tigung. Und wenn diese Demü­tigung gezielt Men­schen trifft, die ohne­hin seit Jahr­hunder­ten rassistisch aus­ge­grenzt werden – in diesem Fall vor allem […] Roma –, dann ist das nicht einfach „hartes Durch­greifen“. Dann ist das rassis­tische Sünden­bock­politik. Was in Gelsen­kir­chen-Ücken­dorf pas­siert ist, ist deshalb so ge­fähr­lich, weil es eine soziale Frage in eine ethnische Frage ver­wandelt. Es geht an­geblich um Müll, Ordnung und Sauber­keit. Aber insze­niert wird etwas anderes: Eine Minderheit wird öffentlich als „Dreck­problem“ dar­ge­stellt. Men­schen werden vor lau­fender Kamera mit Besen und Kehr­blech kon­frontiert. Das Bild sagt mehr als jede Presse­erklä­rung: Ihr seid das Problem. Ihr seid der Schmutz. Ihr müsst weg. Genau an dieser Stelle wird der histo­rische Vergleich wichtig. […] Die AfD nutzt solche Bilder nicht zufällig. [...] Sie nimmt reale Probleme in armen Stadt­teilen – schlechte Wohn­ver­hältvnisse, Müll, Über­forde­rung von Behörden, Ausbeutung durch Ver­mieter, Armut, feh­lende soziale Infrastruktur – und richtet die Wut nicht gegen die Ver­ant­wortli­chen, sondern gegen die Schwä­cheren. […] Gegen Men­schen, die man rassis­tisch markieren kann. […] Wer mit Kamera und Besen durch den Stadt­teil zieht und Men­schen öffent­lich vorführt, will keine Lösung. Der will ein Feindbild.

Schrottimmobilien

Im Stadtteil Ückendorf gibt es seit Jahren Beschwerden über desolate Immo­bilien, Lärm­belästi­gung, Abfall, Sperr­müll und Jugendvkrimi­nalität. Die Stadt hat des­halb im Juni 2021 das Pilot­projekt „Integra­tive Prä­ventions­arbeitgestartet, das vor Ort eine gemein­same feste Anlauf­stelle ge­schaffen hat. Polizei. Kommu­naler Ordnungs­dienst, Sozial­arbeiter und Sprach­mitt­lerin­nen der Caritas arbeiten unter einem Dach zu­sammen, um auf die Heraus­forde­rungen des Zu­sammen­lebens zu reagieren. Ein besonderes Problem des Stadtteils sind frag­würdige Prakti­ken des Wohnungs­marktes. So­genannte „Schrott­immo­bilien“ mit Tausen­den eigent­lich nicht mehr markt­fähigen Wohnun­gen werden an Zu­wande­rer aus Südost­europa ver­mietet. Das Resultat sind in­adä­quate Wohn­ver­hält­nisse und desolate Straßen­züge, die zahl­reiche Folge­proble­me nach sich ziehen.

Die Stadt versucht daher, mit einer eigenen Kontrollstelle dagegen vorzu­gehen. Seit zwölf Jahren existiert ein so­ge­nanntes „Inter­ven­tions­team EU-Ost“, das gezielt herun­ter­gekommene Miets­häuser kontrol­liert – aller­dings richten sich die Kontrol­len nicht nur gegen illegale Woh­nungen, Miet­wucher und bau­recht­liche Mängel, sondern auch gegen die Bewohner. Laut WAZ machen Stadt und Politik den Erfolg des Teams „auch daran fest, dass man die Migration aus Südost­europa be­grenzen und eine ,Ab­wan­derungs­welle‘ in Gang setzen konnte“.

(Text: Roman Urbaner / dROMa-Red.)

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