Ungarn: Pogromstimmung gegen Roma

Februar 24th, 2009  |  Published in Rassismus & Menschenrechte  |  2 Comments

Aufmarsch der Ungarischen Garde in Tataszentgyörgy im Dez. 2007Gestern wurden im Dorf Tatarszentgyörgy südöstlich von Budapest ein vierjähriges Kind und sein Vater ermordet. Das Haus der Romafamilie war durch eine Benzinbombe in Brand gesteckt worden. Als der Vater mit dem Kind flüchten wollte, wurden sie durch Schüsse getötet. Zwei weitere Kinder erlitten schwere Verbrennungen. Die rechtsextremistische Ungarische Garde, die mit paramilitärischen Aufmärschen durch Roma-Siedlungen zu ziehen pflegt, hatte vor mehreren Monaten auch in Tatarszentgyörgy einen Umzug veranstaltet. Presse- und Romavertreter werfen der Exekutive, deren Vertreter (wie kürzlich der Polizeipräsident von Miskolc) mitunter mit Roma-feindlichen Stellungnahmen auffallen, neuerlich vor, nicht korrekt zu ermitteln.

„Für Aufregung sorgt“, schreibt etwa der Pester Lloyd, „dass die örtliche Polizei den Fall nicht sogleich als Tötungsverbrechen einstufte und auf Nachfrage argumentierte, man müsse zuerst durch eine Obduktion die Todesursache ermitteln, obwohl Augenzeugen eindeutig von Schüssen sprachen und sogar Medienvertreter noch herumliegende Patronenhülsen fanden.” Seit dem Tod eines prominenten Handballers vor zwei Wochen, für den kriminelle Roma verantwortlich gemacht werden, herrsche „in Teilen der ungarischen Bevölkerung mehr und mehr Pogromstimmung“ gegen die größte ethnische Minderheit des Landes.

Übergriffe und Mordanschläge gegen Roma sind in Ungarn seit Monaten an der Tagesordnung. Im November des Vorjahres wurden in Ungarn innerhalb weniger Tage vier Roma ermordet. Am 3. November starben zwei Roma in Ostungarn im Gewehrfeuer, nachdem sie mit Brandbomben attackiert wurden. Ein Ehepaar starb in Pécs, als nachts eine Handgranate in das Haus der Romafamilie geschleudert wurde. Die Polizei verwarf in beiden Fällen „schneller als logisch und vernünftig“ (Pester Lloyd) zunächst jeden rassistischen Hintergrund und sprach stattdessen von Mafiamorden, doch viele sahen den Anfang von rassistischen Pogromen. In der Ortschaft Alsozsolca wurde dann im Dezember ein 19-jähriger Rom durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. Er soll im Hof seines Hauses Holz gehackt haben, als ihn die Kugeln trafen.

Aus Anlass der neuen Gewalttat forderte Minderheiten-Ombudsmann Ernö Kallai im Budapester Parlament einen „ethnischen Friedensplan“. Politikerstimmen warnen bereits vor einer „gesellschaftlichen Explosion“ und „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“. Die Ankündigung einiger Roma, die sich von den staatlichen Einrichtungen im Stich gelassen fühlten, ihre Siedlungen nun selbst durch eine „Roma-Garde“ vor rassistischen Gewaltakten schützen zu wollen, war vor einigen Tagen nach öffentlichen Protesten wieder fallen gelassen worden.

Aktualisierung, 25.2.2009: Die Familie der Ermordeten hat Anzeige gegen Polizei, Feuerwehr und den medizinischen Rettungsdienst erstattet. Als Begründung wird laut Presseberichten angegeben, dass die „Polizei alles unternommen hat, um den Fall zu vertuschen“ und „die Geschehnisse als einfache Rauchvergiftung darzustellen“. Die Polizei habe zunächst sowohl die Blutspuren als auch die Patronenhülsen im Schnee ignoriert.

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Wie Ungarn mit dem Mord an Roma umgeht :: says:

    März 4th, 2010 at 16:08 (#)

    [...] über die Trauerfeier für die vor einem Jahr ermordeten Roma von Tatárszentgyörgy (mehr hier). Einmal mehr stellte die ungarische Gesellschaft dabei ihre Gleichgültigkeit unter Beweis; die [...]

  2. dROMa-Blog | Weblog zu Romathemen Ungarn: Kein Denkmal für die Ermordeten :: says:

    Mai 17th, 2010 at 15:53 (#)

    [...] von Tatárszentgyörgy hat ein Denkmalprojekt für die Opfer des Anschlages auf Roma (mehr hier oder hier) abgelehnt. Auf öffentlichen Plätzen will man kein Denkmal, höchstens am Tatort am [...]

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