Bulgarien: Sturm auf bekannte Roma-Familie

September 25th, 2011  |  Published in Rassismus & Menschenrechte  |  6 Comments

Polizei vor brennendem Romahaus in Katuniza bei Plowdiw (Foto via Hotnews.ro)Wie bulgarische Medien berichten, haben sich Einwohner aus dem Dorf Katuniza (Катуница) und Fußballhooligans aus der zweitgrößten bulgarischen Stadt Plowdiw am Samstagabend im Ort versammelt und drei Häuser der Großfamilie des bekannten Roma-Anführeres und -Politikers Kiril Rashkov („Zar Kiro“) gestürmt und teils in Brand gesetzt. Eines der Gebäude wurde dabei weitgehend zerstört. Inmitten des Tumults kollabierte ein 16-jähriger Junge, der wenig später an Herzversagen verstarb. Rund 2000 Fußballanhänger haben sich an dem Überfall beteiligt, während die Einwohner des Dorfes laut dem bulgarischem Fernsehsender bTV vor der Gewalt zurückschreckten. Ein großer Teil der Angreifer trug Masken und Perücken. Novinite schreibt: „Some 2000 soccer hooligans from the fan clubs of Lokomotiv Plovdiv FC, Botev Plovdiv FC, joined later by fans from Sofia’s CSKA and Levski football clubs and football fans from the southern city of Stara Zagora, took part in attack.“

230 auswärtige Polizisten wurden in den ca. 2400 Einwohner zählenden Ort gebracht, beschränkten ihren Einsatz jedoch zunächst vor allem darauf, das Terrain abzuriegeln, um die Löscharbeiten zu ermöglichen. Die Zurückhaltung der Polizei, die es unterließ, die Brandstifter auszuforschen, erklärte das Innenministerium mit der Absicht, jede weitere Eskalation und mögliche Verletzte und Opfer bei Zusammenstößen mit der Polizei zu vermeiden. Die Medien berichten von 127 Verhaftungen. Die Polizeikräfte riegelten den ganzen Ort für die Dauer der Nachtstunden ab. Die angegriffene Roma-Familie Rashkov wurde von der Polizei evakuiert und an einen nicht bekanntgegebenen Ort in Sicherheit gebracht.

Hintergrund der Gewalt ist ein Zwischenfall am Freitag, bei dem ein 19-Jähriger aus Katuniza ums Leben kam. Nach einem Streit zwischen ethnischen Bulgaren und einigen aus Stolipinovo angereisten Roma, die einer Einladung der Familie Rashkov gefolgt waren, war der junge Mann von einem mit Roma besetzten Auto erfasst worden. Daraufhin kam es zu einem Angriff aufgebrachter Dorfbewohner auf das Anwesen der Familie Rashkov:

Minutes after the incident, angry people from the village began to gather. They were able to break the police chain and attack and destroy some of Rashkov’s property. One of the houses was set on fire, but was extinguished by firefighters who arrived on the scene. Five people – two young men from the village and three policemen were injured after another Roma vehicle drove through the crowd – one of the men, 30, has head trauma; the other, 18, has a broken hip. (…) Two policemen have sustained broken arm bones while the third has cuts and rub sores.

Die Polizei verhaftete einige der Autoinsassen, der 55-jährige Lenker hingegen flüchtete, wurde aber inzwischen verhaftet. Die Lage eskalierte am nächsten Tag erneut, nachdem Einwohner bei einem Treffen mit der Polizei die Entfernung der Roma aus dem Ort verlangt hatten. Sie beschuldigen die wohlhabende Roma-Familie seit langem krimineller Machenschaften und das Dorf zu terrorisieren. Der Mob zog nach der Besprechung abermals zu den Roma-Häusern, zerstörte Fensterscheiben und Fahrzeuge der Roma-Familie. Weitere Ausschreitungen für heute Sonntag werden befürchtet. 1000 bulgarische Biker sollen sich den Anti-Roma-Protesten in dem kleinen Ort bereits angeschlossen haben. Der bulgarische Premierminister Boyko Borisov mahnte alle Politiker und Parteien zu Besonnenheit; man dürfe diesen „Kriminalfall“ nicht weiter „politisieren“.

Den bulgarischen Quellen widerspricht übrigens die Darstellung der gerade publizierten dpa- bzw. APA-Kurzmeldung, die von „Zusammenstößen zwischen Roma und slawischen Dorfbewohnern“ und „Ausschreitungen zwischen den beiden Volksgruppen“ spricht.

(Text: dROMa-Red.)

Videos: Hotnews.ro

Quellen: http://www.novinite.com/view_news.php?id=132371
http://www.novinite.com/view_news.php?id=132370
http://www.novinite.com/view_news.php?id=132366
http://www.novinite.com/view_news.php?id=132375

http://www.novinite.com/view_news.php?id=132378
http://www.romea.cz/english/index.php?id=detail&detail=2007_2840
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/2839732/ethnische-ausschreitungen-bulgarien.story

Responses

  1. bulgare says:

    September 25th, 2011 at 23:29 (#)

    Der 19-jährige Bulgare wurde nicht vom Auto erfasst, sondern brutal überfahren. Der Kleinbus ist einfach weiter gefahren und Stunden später ist er in die Menschenmenge gerast, die sich vor dem Palast des bulgarischen Königs der Zigeunermafia gesammelt hatte. Dabei wurden 2 weitere Jugendliche, sowie 2 Polizisten zum Teil schwer verletzt. Die Bevölkerung des Dorfes ist seit Jahrzenten dem zigeunerischen Terror ausgesetzt. Der sogenannte König Kiro bezahlt die Polizei und sie schließt sich die Augen vor all den Verbrechen.

    Anm. der Red.: Ob der Vorfall mit dem Kleinbus ein Unfall war oder – wie vom gewalttätigen Mob behauptet – nicht, wird erst die Polizei zu untersuchen haben. Dazu maßen wir uns im Gegensatz zu Ihnen aus der Distanz kein Urteil an. Dem steht allerdings ein (großteils von außen kommender) Lynchmob gegenüber, der Häuser (von nicht Beteiligten!) in Brand steckte und ein Großaufgebot von Polizeikräften nötig machte, um Menschenleben zu retten. Und mit der Wortwahl des “zigeunerischen Terrors” richten Sie sich im Übrigen selbst.

  2. Pogrome jetzt auch in Bulgarien. « BettelLobbyWien says:

    September 26th, 2011 at 15:15 (#)

    [...] September 25th, 2011  | Quelle: d´Roma Blog [...]

  3. Magdalena says:

    September 27th, 2011 at 00:57 (#)

    Lieber Redakteur,

    Das Kommentar ist ein Kommentar von einem Menschen, der nie die Umstände des Lebens in Bulgarien kannte und vielleicht die nazionalsozialistische Zeit als Ausgangspunkt für Überlegungen hat, wie es immer in Deutschland und in Österreich passiert. Sie sagen, ob es ein Mord war, wird die Polizei untersuchen, aber Sie sind sich sicher, dass der sogenannte Tsar Kiro nicht beteiligt ist.
    So wird es klar, dass Sie mit Vorurteile in die Diskussion einsteigen, genauso wie der Kommentierende, nur dass ihre Vorurteile mit der Idee gebunden sind, dass Roma genau “Roma” ist. Die Zigeuner in Bulgarien und nicht nur in Bulgarien nennen sich selbst Zigeuner. Und ja, nicht alle Zigeuner sind schuld und die Reaktion der Gesellschaft ist offensichtlich übertrieben. Aber der Besitzer dieser Häuser hat schon was damit zu tun, und das kann nur einer verstehen, der in Bulgarien lebt und unter dem zigeunerischen Terror gelitten hat. Im West- und Zentraleuropa ist es leicht, zu sagen, dass die Zigeuner Roma sind, und dass sie mit nichts so ein Verhalten verdient haben, ist aber gleichzeitig schwierig für die meisten zu sagen, wie ein Zigeuner genau ausschaut, oder einen Zigeuner auf der Strasse zu erkennen. Die politische Korrektheit ist genauso gefährlich in dem Fall wie der Rassismus, jede Einstellung, die uns Tatsachen verschweigen lässt ist gefährlich. Genau deswegen passiert das grade in Bulgarien, nicht wegen einem Todesfall, sondern wegen 20 Jahren mit Tatsachen, die geduldet und verschwiegen wurden…

    Anm. d. Red.: Unser Artikel beruht nahezu ausschließlich auf bulgarischen Agenturmeldungen (Novinite), die unvoreingenommen wiedergegeben wurden. Wenn Sie diese gelesen hätten, wüssten Sie, dass es sich bei dem Fahrer und den Insassen des Kleinbusses nicht – wie im Fall der angegriffenen Roma-Familie – um Einwohner von Katuniza handelt, sondern um Roma aus Stolipinovo. Roma aus Katuniza waren also bei dem Vorfall gar nicht zugegen. Dass Rashkov hinter dem Vorfall stecke, ist sohin (gemäß derzeitigem Wissensstand) lediglich die durch nichts bestätigte Behauptung derjenigen, die mit Fackeln zu Roma-Häusern zogen, um sie niederzubrennen. Man muss nicht vor Ort sein, um zu wissen, dass Pogrome durch nichts zu rechtfertigen sind. Sie hingegen übernehmen jedenfalls in Ihren Anmerkungen völlig unreflektiert die rassistischen, mörderischen Argumente des Lynchmobs.

  4. Magdalena says:

    September 27th, 2011 at 01:05 (#)

    Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass ich so übertrieben Reaktionen unterstütze. Die Gewalt führt nur zur weiteren Gewalt und wird das Problem nicht lösen.
    Ich finde es aber besonders ärgerlich, wenn Menschen mit wenig Wissen über eine Situation sich eilen, Schlüssfolgerungen zu ziehen und diese als allgemein gültig zu präsentieren, egal ob es sich um journalistische Ethik oder politische Korrektheit handelt.
    Auch wenn der Kriminalfall nicht so viel mit den Häusern zu tun hat, zeigt diese Reaktion der Menschen, dass es in Bulgarien Probleme gibt, die nicht von heute sind, und die nur auf so eine Auslösung gewartet haben…Diese Probleme sollten analysiert werden, damit alle Sichtweisen beachtet werden!

    Anm. d. Red: Wir haben keinerlei Schlussfolgerungen gezogen, sondern halten uns an die Fakten, wie sie in den bulgarischen Agenturmeldungen und Stellungnahmen der ermittelnden Polizeibehörden (bzw. des Sprechers des Innenministeriums) publiziert werden.

  5. Ulli says:

    September 27th, 2011 at 09:44 (#)

    Hallo! finde es etwas befremdlich, wenn sogar ihr begriffe wie “roma-anführer” übernehmt. ich kenne keine romni in bulgarien, die kiril rashkov als ihren anführer wahrnimmt. die pogrome gehen übrigens weiter, nicht nur in plovdiv, auch in vielen anderen städten:

    http://bettellobbywien.wordpress.com/2011/09/26/pogrome-in-den-grosen-stadten-bulgariens-gehen-weiter/

    http://bettellobbywien.wordpress.com/2011/09/27/kein-rom-geht-hier-freiwillig-auf-die-strase-ausschreitungen-in-bulgarien/

  6. Redaktion says:

    September 28th, 2011 at 09:41 (#)

    Stimmt. Eigentlich wollte ich ja nur den derzeit überall medial kolportierten Begriff “Roma-Boss” umgehen – “Anführer” war da vielleicht wirklich keine sehr glückliche Alternative, weil es eine Autorität suggeriert, die es in dieser Form gar nicht gibt. Obwohl ganz falsch ist es auch nicht: Rashkov und sein Sohn waren schließlich in den 90ern bei der politischen Institutionalisierung der Kalderasch-Roma (und den damaligen Parteigründungen) maßgeblich beteiligt.